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Eine kurze Reise zum Konstruktivismus
Einführung und Grundriss
Aus der Reihe
Materialien zur
Philosophie & Soziologie
© Refrath bei Köln im November 2008
2. vollständig überarbeite Auflage
Authentizitätsprüfseite der vorliegenden Onlineveröffentlichung: http://autopoietische-systeme.de.
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Inhalt
Vorwort zur zweiten Auflage................................................................................... 3
1 Kurze Hinführung................................................................................................. 4
2 Erlanger Konstruktivismus.................................................................................... 5
3 Systemtheoretischer Konstruktivismus.................................................................. 6
3.1 Erkennen................................................................................................................................... 8
3.2 Kybernetik.............................................................................................................................. 10
3.3 System und Umwelt................................................................................................................. 15
3.4 Konstruktivismus..................................................................................................................... 23
3.5 Beobachtung und Konstruktion................................................................................................ 27
3.6 Forschungsgebiete................................................................................................................... 30
3.7 Zur Beobachtung von Beobachtern........................................................................................... 32
3.8 Korrelationen: Wahrheit und Realität........................................................................................ 33
4 Radikaler und operativer Konstruktivismus.......................................................... 35
5 Die Realität des Konstruktivismus....................................................................... 45
6 Der lange Weg zum Konstruktivismus................................................................. 46
6.1 Die Vorläufer des Konstruktivismus.......................................................................................... 51
6.2 Moderner Konstruktivismus und noch mal Realität.................................................................... 56
7 Worum es im Konstruktivismus nicht geht........................................................... 57
8 RESTE.............................................................................................................. 59
8.1 Modischer Konstruktivismus.................................................................................................... 59
8.2 Zur Kybernetik........................................................................................................................ 60
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UNVOLLSTÄNDIGE ONLINE-FASSUNG
Bitte schreiben Sie eine eMail an wasserh@gmail.com, falls Sie gerne das vollständige Manuskript erhalten würden. Ich werde es Ihnen dann gerne kostenlos zusenden. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir zugleich den Grund für Ihr Interesse mitteilen würden.
Bergisch Gladbach, 6.2.2009
Dr. Harald Wasser
Von Anfang an stand fest, dass meine kurze Reise zum Konstruktivismus wirklich eine kurze Reise sein und bleiben sollte. Freilich länger als ein Eintrag in einem Fachwörterbuch sein würde, aber eben auch nicht wesentlich länger als ein Fachartikel. Dass ich damit auf eine so positives Echo stoßen würde, hätte ich dabei nicht erwartet. Feedback kam bislang vor allem aus der Philosophie, den Literaturwissenschaften, der Soziologie, der Psychologie und sogar der Theologie, deutlich seltener, aber auch aus der Medizin (Hirnforschung) und der Biologie. Offenbar lag ich mit der Vermutung nicht ganz falsch, dass ein Bedürfnis danach vorhanden sein könnte, ein ebenso komplexes wie heterogenes, vieldeutiges, umstrittenes, dabei zugleich immer populärer werdendes und entsprechend oft übersimplifiziertes Thema in knapper Form auf einem der Sache angemessenen Niveau präsentiert zu bekommen. Aus den vielen Zuschriften wurde zweierlei schnell klar: Die Annahme, der Leser sei dankbar dafür, sich einmal nicht durch die in wissenschaftlichen Arbeiten üblichen Fußnoten ‘quälen’ zu müssen. Beinahe Konversationen baten um Literaturangaben. Ich habe daher diesem Wund nun entsprochen. Zweitens aber konnte ich bemerken, dass zwar der Grundansatz des Konstruktivismus, ja sogar seine Unterscheidung in radikalen versus operativen Konstruktivismus verstanden worden war – der Zusammenhang aber mit Systemtheorie und Kybernetik schien dagegen (auch in dem mir vorgelegten Hausarbeiten) teilweise durcheinander wie ‘Kraut und Rüben’. Hier war kaum mehr zu finden (und offenbar in vielen Seminaren auch nicht sehr viel mehr vermittelt worden), als Schlagworte, die man wiederholt gehört und also für wesentlich befunden hatte. Der innere Zusammenhang zwischen Kybernetik, Systemtheorie und Konstruktivismus scheint dagegen vielen Interessierten immer noch verborgen geblieben zu sein und erst Recht ein klares Bild dessen, wann und warum wir jeweils von Kybernetik, von Systemtheorie und wann wir von Konstruktivismus sprechen. Ich habe mich daher entschlossen, diesem Punkt, den ich für äußerst bedeutend halte, viel Raum und Struktur zu geben. Man kann nämlich alle drei – Systemtheorie, Kybernetik und Konstruktivismus – durchaus sehr klare definieren, von einander abgrenzen und auch in einen inneren Zusammenhang stellen. Ich hoffe daher, dass gerade das hier nun gelungen ist.
Um der Kürze Willen hatte ich lange gezögert, einige neue Punkte aufzunehmen oder bereits vorhandene weiter zu präzisieren, obwohl dies immer wieder gewünscht wurde. Natürlich lässt sich durch nichts so leicht die Präzision erhöhen wie durch die Erhöhung des Textumfangs. Aber an längeren Arbeiten zum Konstruktivismus besteht kein Mangel. Vor allem aus meiner Konversation mit Wissenschaftlern aus Disziplinen, die für gewöhnlich wenig Muße finden, sich wissenschafts- oder gar erkenntnistheoretisch mit einigen, ihre Forschungen und Modelle durchaus betreffenden Fragen auseinanderzusetzen, aber auch aus meinen persönlichen Erfahrungen mit Studenten und Diplomanden ergab sich, dass ein Bedürfnis nach ebenso prägnanten wie präzisen, vor allem aber nach kurzen und in sich geschlossen lesbaren Texten besteht, die dieses doch sehr komplexe Thema geordnet anzugehen wissen. Mag in der Kürze immer einiges an Präzision verloren gehen, so ist die Kürze doch sicherlich die Meisterin der Prägnanz. Und gerade an dieser scheint es doch oftmals zu mangeln. Ob das im vorliegenden Fall anders ist, mag der Leser beurteilen.
Daher habe ich mich dazu durchgerungen, eine gewisse, maßvolle Erweiterung vorzunehmen. Dass es mir ein Leichtes war, zu entscheiden, was ich hinzunehme und ändere und was ich so lasse, wie es ist, verdanke ich dem unerwartet großen feedback, für das ich an dieser Stelle herzlich danken möchte. Letztlich fiel mir der Entschluss also nicht schwer, vor allem den am häufigsten geäußerten Wünschen nachzugeben, sozusagen als kleines ‘Dankeschön’. So hoffe ich, dass man immer noch sagen kann, dass der Essay vor allem eins geblieben ist: Eine wirklich Kurze Reise zum Konstruktivismus.
Harald Wasser, im November 2008
‘Die These des operativen Konstruktivismus führt [...] nicht zu einem ‚Weltverlust', sie bestreitet nicht, dass es Realität gibt. Aber sie setzt die Welt nicht als Gegenstand, sondern im Sinne der Phänomenologie als Horizont voraus. Also unerreichbar. Und deshalb bleibt keine andere Möglichkeit als: Realität zu konstruieren und eventuell: Beobachter zu beobachten, wie sie Realität konstruieren.’
Niklas Luhmann[1]
Es gibt viele Spielarten des Konstruktivismus. Schon das Wort ‘Konstruktivismus’ kann sehr unterschiedliches bedeuten. Wir werden uns also beschränken müssen. Aus diesem Grund werden wir uns nur mit zwei Richtungen beschäftigen, die überwiegend im Fokus des Interesses zu stehen scheinen. Aber selbst mit Bezug darauf verteilen sich die Gewichte unterschiedlich. Auf der einen Seite steht der sogenannte Erlanger Konstruktivismus. In ihm geht es im Kern darum, die Wissenschaftlichkeit sowie die Wahrheitsbedingungen eines Modell oder einer Theorie per Konstruktionsverfahren herzustellen, nachzuweisen und zu garantieren. Wir behandeln diesen Fall von Konstruktivismus, wiewohl er heute eher selten und auch nur in entsprechenden Fachkreisen im Gespräch ist, schon einfach deswegen, weil sich an ihm exemplarisch verdeutlichen lässt, dass ‘Konstruktivismus’ völlig Verschiedenes bedeuten kann.
Wenn nämlich heute vom ‘Konstruktivismus’ die Rede ist, so zielt dies weit überwiegend auf jenen Konstruktivismus, der durch die Annahme gekennzeichnet ist, dass es sich bei allem, was ein Beobachter beobachtet, um ‘Konstruktionen’ eben dieses Beobachters handelt. Diese Spielart des Konstruktivismus, die wir wegen ihrer Nähe zur Kybernetik und zur Systemtheorie als kybernetischen bzw. systemtheoretischen Konstruktivismus[2] bezeichnen werden, lässt sich grob in zwei Schulrichtungen aufteilen: Die populärste Strömung stellt der sogenannte ‘radikale Konstruktivismus’ dar. Man bezieht sich auf ihn vor allem in den Disziplinen Biologie, Medizin, der Psychologie, der Philosophie sowie der Informatik. Die inhaltlich – zumindest bezüglich ihrer Feinheiten – weit weniger bekannte Strömung bildet der ‘operative Konstruktivismus’ Luhmanns. Vielleicht schon, weil dieser Ansatz etwas komplizierter, verwobener und wohl auch weit kontraintuitiver wirkt, gelangt er beinahe nur innerhalb der Soziologie und der Philosophie zum Einsatz. Diskutiert wird er hingegen auch in ganz anderen Zusammenhängen, nicht selten aus einer gewissen Abwehrhaltung heraus, zum Beispiel innerhalb des Rechts, der Kunst und der Theologie.[3] Gerade diese Abwehrhaltung speist sich möglicherweise aus den kontraintuitiven Implikationen (»nur die Kommunikation kann kommunizieren«)[4] des Luhmannschen Modells.[5] Einige dieser Implikationen erwecken offenbar den Eindruck, sie könnten der Soziologie eine ebenso rückschrittliche wie unkritische Tendenz verleihen, und als Konsequenz davon ‘soziale Errungenschaften’ gefährden, die einst mühsam erkämpft werden mussten. Wie berechtigt dieser Einwand ist, kann hier nicht diskutiert werden, wiewohl einiges, was hier erläutert werden soll, vielleicht dazu beitragen wird, diesen Eindruck zu überdenken.
Lassen sich Erkenntnisse auf eine Weise konstruieren, so dass jederzeit genetisch rekonstruiert werden kann, dass es sich um wissenschaftliche Erkenntnisse handelt?
Beginnen wir mit dem ‘Erlanger Konstruktivismus’, der heute hier und da auch als `methodischer Konstruktivismus’ bezeichnet wird und den wir aus den oben genannten Gründen nur recht kurz zusammenfassen werden. Diese Spielart steht sehr direkt in der Tradition der Kantschen Kritiken.[6] Man könnte ihn daher vielleicht treffender einen ‘Rekonstruktivismus’ nennen, insofern er nach dem Vorbild der Transzendentalphilosophie Kants die ‘Erkenntnisgründe’ bestimmter Gegenstandsgebiete zu rekonstruieren sucht. Insofern stellt er einen epistemologischen Konstruktivismus dar, dem es um ‘Fragen des wissenschaftlich Erkennbaren’ (Wahrheit/Wissen) geht. Dabei steht weniger Kants durchaus konstruktivistischer Versuch im Vordergrund, die wesentlichen Bestimmungen des Erkennens von ‘außen’ nach ‘innen’ ins Subjekt zu verlagern als sein zweites, eher konstruktives denn konstruktivistisches Grundanliegen: nämlich Metaphysik von ‘strenger Wissenschaft’ zu scheiden. Kants Erkenntnistheorie unternimmt ja nichts weniger als den Versuch einer Rekonstruktion jener Prinzipien, die uns seiner Meinung nach zu wissenschaftlichen Erkenntnissen führen bzw. wissenschaftliche Erkenntnis ermöglichen.
Der Erlanger Konstruktivismus versucht nun umgekehrt, die Gegenstände wissenschaftlicher Erkenntnis methodisch nach eben jenen Prinzipien des wissenschaftlichen Erkennens zu konstruieren.[7] Als Rekonstruktivismus zeigt sich dieser methodische Konstruktivismus der Erlanger Schule vor allem, insofern er (wie Kant) von bereits existierenden Erkenntnissen, Erkenntnisgegenständen bzw. wissenschaftlichen Disziplinen ausgeht – im Falle Paul Lorenzens z.B. von mathematischen Erkenntnissen – um von da aus die jeweils methodisch notwendigen Schritte und Regeln zu rekonstruieren, die dem jeweiligen Forschungsweg zu Grunde liegen müssen, wenn er mit Fug und Recht als ‘wissenschaftlich’ gelten können soll.[8]
Beim (methodischen) Erlanger Konstruktivismus handelt es sich demnach um eine Theorie zuverlässiger Erzeugungswege wissenschaftlicher Erkenntnisse, um eine Art praktische Epistemologie also, die sich nicht nur für die rein epistemologische Frage interessiert, wie wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt möglich wird, sondern die zudem einen Weg zu weisen sucht, auf dem die entsprechenden Erkenntnisse auch tatsächlich gewonnen werden können. Dabei wird versucht, dem Anspruch Kants zu folgen und einen Weg aufzuzeigen, der es möglich macht, Gegenstände (der Forschung) als Gegenstände einer wissenschaftlichen Erkenntnis zu (re)konstruieren.
Aus konstruktivistischer Sicht ist die Annahme eines unabhängig vom Beobachter und seinen Konstruktionen Existierenden eine bloße Konstruktion. Somit kann etwas Unabhängiges nicht ernsthaft gedacht werden, denn wie sollte etwas vom Beobachter unabhängig sein können und zugleich dessen Konstruktion?
Im Folgenden werden wir versuchen, uns den Zusammenhang von Kybernetik, Systemtheorie und Konstruktivismus, aber auch das, was diese drei unterscheidet, möglichst prägnant vor Augen zu führen. Unsere Fragestellung lautet: Wie funktioniert eigentlich der systemtheoretische Konstruktivismus? Auf diese Weise sollte sich zeigen, dass und warum wir, wann immer wir von ‘Konstruktivismus’ sprechen, implizit immer auch von Kybernetik und Systemtheorie sprechen. Kurz gesprochen konstruieren wir mittels Kybernetik Steuerungen und Regelungen in Form sogenannter ‘kybernetischer Mechanismen’, die uns in die Lage versetzen, zu verstehen, wie die von uns konstruierten Systeme operieren und wie sie sich gegenüber der Umwelt schließen. So kommt also die Systemtheorie ins Spiel, mit der sich der Blick vor allem die Frage des Umgangs mit der Unterscheidung von ‘System und Umwelt’ verlagert. Steht also innerhalb der Kybernetik die Konstruktion jener Mechanismen im Vordergrund, die verständlich werden lassen können, wie das System operiert, behandelt die Systemtheorie die Frage, auf welche Weise Systeme – seien es Maschinen, biologische, psychische oder soziale Systeme – unterschieden, bezeichnet und konstruiert werden können. Und: Inwiefern sie als Beobachter mit einer je eigenen Perspektive in die Welt in Frage kommen. In der Kybernetik wie in der Systemtheorie geht es folglich mit unterschiedlichem Schwerpunkt ums Konstruieren. Von daher können wir nun eine erste Antwort auf die Frage geben, was wir Konstruktivismus nennen: Der Titel Konstruktivismus bildet jene ‘Klammer’, die beides – Kybernetik und Systemtheorie – umschließt und zusammenhält. Gleichgültig, ob der Aspekt der Konstruktion regelnder und steuernder Mechanismen im Vordergrund steht (und also: die Kybernetik) oder der Aspekt der Konstruktionsleistung seitens der Systeme (und also: die Systemtheorie). Eines gilt in beiden Fällen, nämlich: dass es immerfort um Konstruktion geht.
Eben darum können aus konstruktivistischer Sicht Beobachter keine Spiegel sein, in denen sich ‘die Welt’ oder ‘die Realität’ reflektiert. Schon die bloße Annahme, es gebe etwas vom Beobachter Unabhängiges, das ihn zu Konstruktionen anrege und dabei letztlich deren Angemessenheit kontrollierbar mache, kann niemals mehr sein: als eine Konstruktion. Eben darum steht ein konsequenter Konstruktivismus für die Ansicht, dass alles, was ein Beobachter erkennt, vom Beobachter selbst konstruiert wurde.
Innerhalb des systemtheoretischen Konstruktivismus lassen sich heute vor allem zwei Strömungen unterscheiden: Auf der einen Seite steht der sogenannte radikale Konstruktivismus, dessen zentrale Merkmale sich im Zweifel an Ernst v. Glasersfelds gleichnamigem Werk festmachen lassen.[9] Als Begründer des radikalen Konstruktivismus werden in aller Regel neben Ernst von Glasersfeld, Forscher wie Heinz von Foerster[10] und Humberto R. Maturana[11] genannt. Kurioserweise haben sich ausgerechnet dieser Theoretiker – offenbar aus Sorge um Vereinnahmung – inzwischen vom Konstruktivismus distanziert.[12] Bei allem Verständnis der dabei zu Grunde liegenden Motive werden wir uns dadurch nicht beirren lassen, einfach, weil sich in ihren Werken unbestritten zentrale Merkmale ausmachen lassen, die eine Zuordnung zum Konstruktivismus sinnvoll und gerechtfertigt erscheinen lassen. Diesem sogenannten radikalen Konstruktivismus gegenüber steht Luhmanns operativer Konstruktivismus, der sich vor allem seit dem Erscheinen von ‘Soziale Systeme’ mit und mit zu einem überzeugenden Differenziertheit entwickelt hat.[13]
Im Gegensatz zum Erlanger Konstruktivismus stehen im systemtheoretischen Konstruktivismus epistemologischen Fragen nicht an erster Stelle. An erster Stelle steht vielmehr die Frage, wie ‘Erkennen’ überhaupt möglich wird bzw. zustande kommt.[14] Die speziellere Frage Kants, wie wissenschaftliche Erkenntnis von unwissenschaftlicher unterschieden werden könne, erörtert der Konstruktivismus wie Hegel im Rahmen der weit grundsätzlicheren Fragestellung: Wie erkennen Systeme? Es geht mithin darum, die Frage des Erkennens von der Frage nach dem Wahrheitsgehalt des Erkannten zu lösen. Wenn wir bereit sind, Erkennen zunächst als die Fähigkeit des Prozessierens von Unterscheidungen (ja/nein, an/aus etc.) zu definieren, so wird sofort nachvollziehbar, dass sich dieser Erkenntnisbegriff nicht nur zu Untersuchung ‘komplexe natürliche Formen’ (also etwa Tiere und Menschen oder Teile von Menschen, z.B. das Gehirn) eignet, sondern auch für einfache natürliche Formen (einzelne Zellen oder Neuronen etc.) sowie für künstliche Formen (Artefakte), also ‘Maschinen’, allen voran der Computer.[15] Faktisch wird der Begriff des Erkennens im Konstruktivismus nicht nur hier und da mit Kognition gleichgesetzt, sondern zudem so unterschiedlich angewandt und teilweise (etwa bei Maturana)[16] in einem Wortsinn, der kaum noch Berührungspunkte mit dem üblichen Wortgebrauch aufweist, dass wir dem hier in der Kürze nicht gerecht werden können. Daher werden wir aus heuristischen Gründen statt alle diese Feinheiten aufzuführen einen sehr abstrakten, relativ neutralen Begriff wählen, der es uns vor allem erlaubt, das Wesentliche, das, worauf es im Konstruktivismus unterschiedlichster Couleur ankommt, deutlich werden zu lassen.
Setzt also etwa Maturana Erkennen und Kognition in eins, so werden wir hier, um die angesprochenen Differenzierungsgewinne erzielen zu können, eine eher Luhmanns Ansatz nahestehende Definition anwenden. Kognition kommt danach zustande, wenn zum Erkennen ‘Lernen’ hinzukommt. Unter ‘Kognition soll daher zunächst nichts weiter verstanden werden als ‘lernfähiges Erkennen’ bzw. ‘lernbereites Erwarten’ – eine Art des Erkennens also, das (Erwartungs)Strukturen hinterlässt. Erst diese Erwartungsstrukturen ermöglichen es dem System, sich zu irren. Irrtümer sind also ein Zeichen von Intelligenz, nicht von Dummheit. Wer nicht lernen kann, der kann sich auch nicht irren. Und Lernen heißt: auf Irrtümer mit Strukturmodifikation und also mit geänderten Erwartungen zu reagieren. Keine Erwartungen, kein Irrtümer.[17]
Wenn man so ansetzt, dann gehören Erkennen und Kognition nur bedingt zusammen und nicht kategorisch. Das passt auch dazu, dass Kognition auf eine Fähigkeit zielt, über die Maschinen (wenn überhaupt) nur sehr eingeschränkt verfügen, während viele Tiere und der Mensch sie in hohem Maße beherrschen.[18] Der Konstruktivismus bzw. die durch ihn ins Spiel gebrachte Kybernetik (auf die wir im nächsten Kapitel zu sprechen kommen werden) lassen sich eben deswegen nicht einschränken auf eine Theorie der ‘Maschine’. Das hatte von Anbeginn an Wiener so gesehen und eben darum seine Kybernetik mit ‘Control and Communication in the Animal and the Machine’ untertitelt. Eben diese Ausweitung ermöglicht es, Fragen und Forschungsgebiete des verschiedensten Typs innerhalb einer einzigen, generellen Systemtheorie (GST) miteinander aufs Fruchtbarste zu verbinden:[19] Wie erkennt das Gehirn, was es erkennt?[20] Oder auch (etwa bei Luhmann): Wie beobachtet das Wirtschaftssystem sich selbst und seine Umwelt?[21] Oder (etwa bei Maturana und Varela): Verfügen selbst einfache Zellen über kognitive Fähigkeiten?[22]
Wir hatten schon erwähnt, dass der ‘radikale Konstruktivismus’ durch eine größeren Zahl von Forschern aus den unterschiedlichsten Forschungsrichtungen geprägt wurde. Der sogenannte ‘operative Konstruktivismus’ wurde dagegen quasi im Alleingang von Niklas Luhmann entwickelt und prominent gemacht. Dass Luhmann ausnahmslos als Soziologe gearbeitet hat, hatte das die Folge, dass sich Anwendungen des operativen Konstruktivismus beinahe nur bezogen auf soziale und psychische Systeme finden lassen.[23] Auch, wenn es zunächst paradox klingen mag: Zentrale Unterschiede zwischen radikalem und operationalem Konstruktivismus bestehen gerade in der Radikalität, mit der der konstruktivistische Gedanke angewandt wird. Hält sich dem Namen nach der ‘radikale Konstruktivismus’ für die radikalste Variante, so werden wir späterer Stelle sehen, warum es aus Luhmanns Sicht dem radikalen Konstruktivismus vor allem an einem mangelt: an Radikalität.[24]
Wir hatten bereits angedeutet, inwiefern die Kybernetik eine ganz erhebliche Rolle im Konstruktivismus spielt.[25] Nun wollen wir präzisieren, wann man sinnvoller Weise von Kybernetik sprechen kann, was die Kybernetik zur Kybernetik macht und was sie mit Systemtheorie und Konstruktivismus zu tun hat.
+++Namen und Idee verdanken wir vor allem Norbert Wiener, der mit Kybernetik nicht nur maschinelle Reglungsmechanismen wie etwa den Fliehkraftregler oder das Thermostat erfolgreich in Worten wie in mathematischen Formeln beschrieben hat, sondern beeindruckender Weise sogar Funktionssysteme wie das Gehirn bzw. das Nervensystem.[26] Neben seinen Schriften waren aber auch die Schriften von C. Shannon und W. Weaver sowie W. Ross Ashby u.a.[27] wegweisend.
Alles Wesentliche, was die Kybernetik zur Kybernetik macht, lässt sich in wenigen Sätzen sagen: Als Kybernetik bezeichnen wir ein Modell, das das Zustandekommen von Phänomenen mit Hilfe der Konstruktion eines Mechanismus’ erklärt, der das in Frage stehende Phänomen erzeugt bzw. erzeugen könnte. Ein solcher Mechanismus muss im wesentlichen nur ein Kriterium erfüllen, um kybernetisch genannt werden zu können: Er muss einen geschlossenen Regelkreis beschreiben, der Rückkopplung (‘feedback’) in Anspruch nimmt. Mit ‘Kybernetik’ bezeichnen wir also keine Theorie, sondern ein Modell, das Phänomene durch die Konstruktion von Rückkopplungsmechanismen erklärt, die Regelung und Steuerung ermöglichen.[28]
Das bedeutet in seiner Konsequenz, dass man mit Hilfe der Kybernetik niemals ‘Dinge’ und auch kein ‘SEIN’ wird erklären und beschreiben können, sondern ausnahmslos Mechanismen, Prozesse und deren Produkte, die dann von und in anderen Theorien möglicherweise als (DA)SEIN, als Substanzen oder als ontologische Gegebenheiten beschreiben werden. Insofern aber der Kybernetik alles zum Erzeugnis/Produkt wird (sogar der von ihr beschriebene Mechanismus selbst!), kann sie selbst ‘Dinge’ nur als Ereignisse, die als Effekte von Regelkreisabläufen auftreten, beschreiben. Vergeht ein Ereignis nicht sofort, sondern bleibt es erhalten, so kann das kybernetisch nur dadurch erklärt werden, dass es offenbar immerfort aufs Neue erzeugt wird (Autopoiesis).[29] Jedes scheinbar ‘unveränderliche Sein/Seiende’ wird so in einen Strom ununterbrochenen Erzeugens aufgelöst: SEIN ist Werden – allerdings nicht mehr nur in jenem Sinne, in dem dieser Gedanke in der Antike, bei Hegel und bei Nietzsche auftaucht. Es geht nicht mehr nur um Wandel (Morphologie) – vielmehr wird aus Sicht der Kybernetik jedes WERDEN zur ‘Produktion’.[30]
Näher ausgeführt besteht die Kybernetik aus einem Modell, das komplexe Vorgänge als sogenannte Regelkreise beschreibt. Regelkreise bilden dieser Idee nach ein System in sich geschlossener Rückkopplungsprozesse: Der Regelkreis operiert geschlossen, insofern alle in ihm stattfindenden Operationen per feedback (mittels eines Reglers) durch die Rückwirkungen vorangegangener Operationen ausgelöst werden. Vorangegangene Operationen führen auf diese Weise also zur Generierung neuer Operationen, denn jede Operation erzeugt ein feedback, das mittels eines Reglers kontrolliert wird, der Nachfolge-Operationen ‘errechnet’ und auslöst. Insofern es sich hier um einen geschlossenen Kreislauf intern ausgelöster, rückgekoppelter und geregelter Operationen handelt, können wir von einem geschlossenen System (aus Operationen, Rückkopplungen, Regelungen und Anschlussoperationen usf.) sprechen.[31]
Das wohl populärste Beispiel für einen extrem einfachen Regulationsmechanismus, der sich ganz vortrefflich kybernetisch beschreiben, berechnen und erklären lässt, bildet der Thermostat. Am Thermostat lässt sich exemplarisch studieren, wie sich ein geschlossenes System dadurch bilden kann, das ein Regelkreis per feedback immer nur auf seine Eigenwerte reagiert und diese dabei mittels eines Reglers innerhalb einer gewissen (Soll-)Abweichung beeinflusst, also etwa verstärkt (positives feedback) oder abschwächt (negatives feedback): Wenn man z.B. den Computer als Regelkreis beschreibt, so reagiert dieser keineswegs, wie es uns im Alltag scheinen will, auf irgendwelche ‘Zustände’, ‘Vorgänge’, ‘Ereignisse’ oder ‘Eingaben’ (Inputs) aus seiner Umwelt. Kybernetisch betrachtet ist selbst die Tastatur im Sinne eines ‘Sensors’ Teil des Regelkreises ‘Computer’. Wenn wir also die Tasten der Tastatur niederdrücken, so reagiert der Computer, sofern man ihn als (kybernetischen) Regelkreis beschreibt, keineswegs auf unsere Tastaturanschläge. Er reagiert vielmehr auf die Zustände seiner Sensoren. Er (er)kennt und reagiert weder auf ‘Benutzer(eingaben)’, noch auf ‘Finger’, ja, nicht einmal auf (niedergedrückte) ‘Tasten’. Er reagiert einfach nur auf die Zustände seiner Sensoren, die ja nur aus Sicht eines in der Umwelt des Computers befindlichen Beobachters, durch das (willkürliche) Drücken von Tasten beeinflusst werden können. Der Computer aber unterscheidet nicht zwischen sich und (s)einer Umwelt. Er beobachtet keine Umwelt und reagiert entsprechend auf nichts, was aus unserer Sicht aus dieser kommt. Wenn wir kräftig gegen das Gehäuse des Computers treten, so mag etwa das Motherboard kaputtgehen und der Computer hört auf, zu funktionieren, weil gewisse Rückkopplungsprozesse nun nicht mehr stattfinden. Aber der Computer reagiert, wie sich selbst darin zeigt, nur wieder auf die in ihm selbst stattfindenden Ereignisse, nämlich auf die in ihm erzeugten oder eben nicht mehr erzeugten feedbacks und Regelungen.
Wir müssen also stets eine bedeutende Unterscheidung beachten, wenn wir unsere Theorien und Beschreibungen kybernetisch konstruieren wollen: Was aus Sicht eines externen Beobachter des Computers vorgeht, entspricht keineswegs dem, was ‘im System’ bzw. ‘aus der Perspektive des Systems’ vorgeht. Der Computer ‘kennt’ (d.h. ‘unterscheidet’) keine niedergedrückten Tasten (von nicht niedergedrückten Tasten) und ‘beachtet’ dergleichen daher auch nicht. Er ‘kennt’ nur die Ereignisse/Zustände, die sich in seinen Sensoren abspielen und ‘beachtet’ also auch nur diese. Nur aus Sicht eines externen, in der Umwelt des Computers befindlichen Beobachters besteht die Möglichkeit, eine Tastatur zu beobachten und sie zur Manipulation der Maschine zu benutzen. Aus kybernetischer Sicht muss der Computer hingegen unvermeidlich als ein geschlossenes System (im Sinne einer black box) erscheinen, die ausnahmslos auf ihre Eigenzustände reagiert und zudem nicht über die leiseste Form der Repräsentation einer Umwelt verfügt. Hier wird also zugleich deutlich, wo genau die Nahtstelle von Systemtheorie und Kybernetik liegt.
Was wir für den Computer gesagt haben gilt aber ebenso im Falle unseres Gehirns oder des Thermostats. Das Thermostat reagiert also keineswegs wie es zunächst scheinen mag auf eine Außen- oder Raumtemperatur.[32] Das Thermostat reagiert immer nur und ausnahmslos auf seine eigenen Zustände, sei es stabilisierend, verstärkend (positives feedback) oder abschwächend (negatives feedback). Es operiert insofern isoliert bzw. abgekoppelt von jeder denkbaren Umwelt und erst Recht von der Umwelt seines Beobachters (etwa des Sanitärfachmanns) und dessen ‘Wissen’ über Raumtemperaturen, Zimmerklima und Brennkessel. Aus eben diesem Grunde spricht die Kybernetik davon, dass sie es mit der Beobachtung und Beschreibung geschlossener Systeme zu tun habe.
Es ist ziemlich schwierig, dieses kybernetische Denken durchzuhalten, da uns nicht nur unser im Alltag gewohntes Denken, sondern sogar das Denken der meisten gängigen Theorien und erst Recht unsere Intuitionen immer wieder in eine andere Richtung leiten, was sich auch daran ablesen lässt, wie oft Texte, die ein systemtheoretisches Selbstverständnis zeigen, zwischen kybernetischen und nicht-kybernetischen Betrachtungsweisen hin und her springen, ohne dass dies ihren Autoren (und oft genug auch uns Lesern) bewusst würde. Solche Texte, die unseren Intuitionen bzw. dem ‘gesunden Menschenverstand’ näher kommen, lassen sich natürlich nicht nur wesentlich einfacher lesen, sondern wirken oft auch plausibler und sind daher öfters von Erfolg gekrönt sind als jene, die auf höherem Niveau stringenter und kontra-intuitiv argumentieren und eben darum nur als mäßig plausibel empfunden werden. Diese Binsenweisheit sei nur erwähnt, weil es auch auf ihr Konto geht, wenn heute immer noch ein so diffuses, oftmals beliebig wirkendes oder nur an Schlagworten festgemachtes Verständnis von Kybernetik, Systemtheorie und Konstruktivismus vorgefunden werden kann.
So können wir also festhalten, dass die Kybernetik die von ihr beschriebenen Mechanismen keineswegs in der Welt ‘vorfindet’, um sie etwa im Blockschaltbild nur abzubilden. Die Beschreibung eines Mechanismen kopiert kein ‘da Draußen in der Welt’ unabhängig vom Beobachter existierenden Mechanismus. Wenn man so wollte, so könnte man umgekehrt sagen, dass dieses ‘da Draußen’, diese ‘Realität’ überhaupt erst mittels der Projektionen des Beobachters entstehen und nicht, wie das die Sensualisten und Empiristen noch gesehen hatten, die die Beobachter mittels ihrer Sinne ‘Kopien’ bzw. ‘Abbildungen’ der Realität im Beobachter anfertigen: Die Realität ist ein Produkt ihrer Beobachtung, nicht deren Voraussetzung. Konstruktivistisch gesehen ist die Konstruktion der Realität Bedingung ihrer Möglichkeit. Indem wir eine Realität konstruieren, entsteht die Realität. Dabei konstruieren wir auf eine Weise, die, dass was dabei passiert, auf den Kopf stellt. Nun ist auf einmal die (Um)Welt das, woraus alle Beobachtung hervorgeht, ja, sogar das, was den Beobachter überhaupt erst hervorbringt. Dass es sich bei dieser Ansicht um einen ‘Kopfstand’ handelt, können wir sehr leicht daran ersehen, dass die Aussage, die Realität sei Bedingung allen Beobachtens und Erkennens, nichts weiter sein kann als eine: Konstruktion – die vielleicht kurioseste aller denkbaren Konstruktionen, weil sie sich selbst als Konstruktion dementiert. Was wir damit einkaufen, sind eine ganze Reihe nicht auflösbarer Paradoxien.[33] Wir werden, weil dies so ist, dem Thema Konstruktivismus und Realität ein eigenes Kapitel gewidmet.[34]
Die Kybernetik kann aber nicht nur gegebene Phänomene per Mechanismus erklären. Mit ihrer Hilfe können wir auch umgekehrt die Produktion von Artefakten, also etwa von Automaten anleiten. Das gilt nicht nur für relativ komplexe Systeme wie Computer; das gilt ebenso für sehr viele andere Produktionsabläufe: Wenn der Messerschleifer Messer schleift, indem er sich immer wieder die Ergebnisse seines Schliffs anschaut, um darauf basierend zu entscheiden, welche Stelle er als nächstes wie schleifen wird, so finden wir in seinem Vorgehen Prozesse der Rückkopplung (Kontrolle der Messerschärfe), die, insofern sie zur Grundlage weiterer Schleifvorgänge werden, einen Regelkreis beschreiben, der per feedback & control so lange abläuft, bis ein definierter Sollzustand das Stoppsignal gibt: das Messer ist jetzt scharf genug. So können nicht nur Arbeitsprozesse beschrieben werden; so können diese auch auf Maschinen hin übersetzt und dann von diesen ausgeführt werden. Eine kybernetische Maschine (also ein ‘Automat’), die (der) inzwischen zum zentralen Bestandteil des Regelkreises ungeheuer vieler anderer Maschinen geworden ist, ist: der Computer. Wir finden ihn in modernen Fräsen und Schleifautomaten ebenso wie in Blindflugleitsystemen oder automatischen Bremssystemen (ABS), Fotokameras und Handys etc. Und auch die ‘A Klasse’ von Mercedes besteht dank eines Computers seit einiger Zeit sogar den ‘Elchtest’.
Gerade an diesem Konstruieren von Artefakten, können wir also glasklar ersehen, was die Kybernetik erst zur Kybernetik macht: Nämlich, dass alle von ihr konstruierten Mechanismen, Rückkopplungen (‘feedback’) in Anspruch nehmen und geschlossene Regelkreise bilden. Wenn diese schleifenförmigen Regeln eines Regelkreises (‘Messer schleifen’ → ‘Schärfe prüfen → ‘Messerschärfe nicht ausreichend’ → ‘Messer weiterschleifen’ usf.) nicht nur eine gewisse repetative Stabilität zeigen, sondern zudem konditioniert (und also nicht: kategorisch) ablaufen, bis ein gewisser Wert (Sollwert) erreicht wurde, so sprechen wir von einem Programm. Programme sind also keineswegs identisch mit Regelkreisen, weil wir von Programmen erst sprechen können, wenn die (Rückkopplungs)Schleifen eines Regelkreise stoppen und immer wieder aufs Neue aufgerufen werden können. Wenn man eine Definition versuchen wollte, so könnte sie lauten: Ein Programm ist jener Teil eines Regelkreises, der beendet bzw. unterbrochen werden kann (etwa weil das Messer jetzt scharf ist), um zu einem beliebigen Zeitpunkt wieder aufgerufen und erneut gestartet werden zu können. Programme sind folglich intermittierende, wiederaufrufbare Regelkreise von Rückkopplungsprozessen.
Für alle kybernetischen Mechanismen aber gilt, dass sie – selbst, wenn sie sich teilweise in mathematischen Formeln beschreiben lassen – eine meist knappe Ressource benötigen, nämlich: Zeit. Norbert Wiener hat gezeigt, dass kybernetische Zeit irreversible Zeit ist und also nicht die Zeit, mit der Newton bzw. noch die Physik des 19. Jhs. rechnete. Denn kybernetische Prozesse sind zeitlich unumkehrbar. Sie setzen Ordnung voraus, während wir, wenn wir den Zeitstrahl umdrehen, keinen Regelkreis mehr finden werden, sondern nur: Entropie. Das hat vor allem damit zu tun, das Reglung und Steuerung mehr mit Information und Kommunikation zu tun haben, als mit materiellen Vorgängen.[35] Wenn man einen Regelkreis verstehen möchte, so wird eine Betrachtung dieses feedbacks als Informationsprozess mehr leisten, denn eine Beschreibung jener ‘materiellen Vorgänge’, die das feedback ‘realisieren’.
Kybernetische Konstruktionen erklären Phänomene, indem sie Mechanismen beschreiben, die die in Frage stehenden Phänomene erzeugen bzw. erzeugen könnten. Die Güteprüfung einer kybernetischen Erklärung geht entsprechend umgekehrt von sich, nämlich, indem überprüft wird, ob der beschriebene Mechanismus tatsächlich jene Phänomene erzeugen kann, die es zu erklären gilt. Das Spannende, typisch Konstruktivistische daran ist: Theoretisch sind immer mehrere ganz unterschiedliche Mechanismen vorstellbar, die eben jene in Frage stehenden Phänomene erzeugen könnten. Aus diesem Grund kann uns eine kybernetisch-konstruktivistische Erklärung nicht sagen, dass eine Sache sich so und nicht anders verhält. Sie kann immer nur sagen, dass sie sich wie beschrieben erklären lässt, vielleicht zugleich aber auch ganz anders. Kybernetik, Konstruktivismus und Systemtheorie beschreiben uns also nicht, wie sich etwas in Wahrheit verhält, so dass alle alternativen Erklärungen zwingend falsch sein müssten. Sie beschreiben uns vielmehr immer nur eine von vielem möglichen Wahrheiten, die sich gegenseitig nicht ausschließen. Der Konstruktivismus liefert uns immer nur, um es mit Glasersfeld zu sagen, taugliche Erklärungen, Erklärungen, die ‘passen, oder, wie er es ausdrückt, die ‘viabel’ sind.[36]
Aus all dem können wir ersehen, dass die Kybernetik keine Theorie darstellt, sondern ein Modell.[37] Modelle aber geben nur vor, wie Theorien eingerichtet werden müssten, um ihnen zu entsprechen. Modelle sagen nichts über wahr und falsch, wohl aber über richtig und falsch: Hält sich eine Theorie an die jeweiligen Modellvorgaben, so ist sie richtig, aber vielleicht zugleich unwahr, also in diesem Sinne falsch. Der Begriff der black box wiederum ist nicht viel mehr als eine Metapher, ein ‘schwarzer Kasten’ eben, also etwas, in das wir nicht ‘hineinsehen’ können. Eben darum sollten wir einer präziseren Unterscheidung der Vorzug und zwar der Unterscheidung von System und Umwelt.
Wir hatten bereits gesehen, dass wir als System nur etwas bezeichnen können, das sich von einer Umwelt unterscheiden lässt und dass wir umgekehrt nur etwas als Umwelt bezeichnen können, dessen Systemreferenz wir zu benennen in der Lage sind: jede Umwelt ist immer Umwelt eines bestimmten Systems. Daher müssen wir beides, also System wie Umwelt, unausweichlich als etwas betrachten, das von seiner Beobachtung und damit von einem ganz bestimmten Beobachter abhängt. Die Umwelt kann nunmal keine Beobachtungen durchführen. Beobachten können nur Systeme, die sich natürlich in der Umwelt eines Systems befinden können. Eben darum müssen wir, wenn wir von einer Beobachtung sprechen, auch stets jenen Beobachter benennen können, für den die gemachten Unterscheidungen und Bezeichnungen gelten. Der Beobachter – und das ist wichtig – ist also nicht derjenige, der das Beobachten ‘tut’ – er ist aber ‘derjenige’, auf den hin die gemachten Beobachtungen (Unterscheidungen und Bezeichnungen) gelten. Der Beobachter ist kein ‘das Beobachten Tuender’ – er ist vielmehr die Referenz der jeweils im Fokus stehenden Unterscheidungen. Sie gelten niemals absolut: kein System teilt mit einem anderen seine Umwelt.[38] Alles Beobachten, alles Unterscheiden ist systemrelativ. Aber eben, weil Unterscheidungen niemals absolut gelten, muss sich der Beobachter, mit Bezug auf den sie gelten, stets eindeutig benennen lassen.[39] Ist eine Theorie nicht in der Lage, den Beobachter zu bestimmen, so ist sie entweder noch unvollständig oder aber keine kybernetische, keine konstruktivistische, keine systemtheoretische Theorie. So lautet die Nagelprobe des Konstruktivismus.[40]
Im Kapitel über die Kybernetik hatte wir gesehen, dass ihr bzw. dem mit ihr verbundenen Konstruktivismus in einem doppelten Sinn alles zum Produkt wird. Dies gilt auf einer ersten Ebene, insofern ihm alles, was sich als Phänomen zeigt, erst in der Beobachtung als Phänomen konstruiert wird (und also nicht unabhängig davon schon zur Beobachtung ‘bereitliegt’). Es gilt aber auch auf einer zweiten Ebene, insofern ein Beobachter, wenn er auf ein Phänomen stößt, dieses – selbst wenn er um dessen Konstruiertheit weiß – nicht zwangsläufig sich selbst, sondern oftmals seiner Umwelt zurechnen wird. Wenn wir beispielsweise auf der Straße sehen, dass eine Lampe von Grün über Gelb nach Rot wechselt und wieder zurück, so können wir aus konstruktivistischer Sicht zwei Ebenen der Erzeugung des Phänomens unterscheiden: Auf der einen Ebene uns selbst als denjenigen Beobachter, der in seiner Wahrnehmung die Ampel mitsamt ihres Rot-Gelb-Grün-Wechsels erzeugt. Auf einer zweiten Ebene einen Apparat, den wir gelernt haben, ‘Ampel’ zu nennen und der es in einem ganz anderen Sinne ebenfalls mit der Erzeugung eines geregelten Wechsels von Rot nach Grün zu tun hat. Obwohl also unabhängig von einem Beobachter, der diese Ampel in seiner Beobachtung konstruiert von dem Phänomen ‘Ampel’ überhaupt keine Rede sein könnte, hindert uns nichts daran, uns zugleich die Frage zu stellen, welcher Mechanismus in der Ampel jenen Farbwechsel erzeugt. Von dieser Doppelung ausgehend können wir daher also zwei aufeinander zulaufende Untersuchungen starten: ****Wir können uns (a) fragen, welcher Mechanismus in uns die Beobachtung eines Farbspiels sowie dessen Zurechnung auf eine Ampel erzeugt hat. Wir können uns legitimer Weise aber zugleich der Ampel selbst zuwenden, um uns (b) zu fragen, welche Regeln (etwa: zeitliche, verkehrsabhängige, per Passantentaste etc.) in ihr greifen, um diese etwa in einem ‘Blockschaltbild’ zu dokumentieren. Ja, wir können uns (c) sogar fragen, wie dieser Ampelmechanismus realisiert wurde, also etwa mit Hilfe von Elektrizität, Relais und Lampen etc. Wie wir im nächsten Abschnitt zeigen werden, ist es diese Suche nach Mechanismen – sei es ‘im’ Beobachter, sei es ‘im’ Beobachteten – die das ausmacht, was wir Kybernetik nennen. Was uns aber hier interessiert ist vor allem: Was haben dergleichen (kybernetische) Vorgehensweisen mit System und Umwelt zu tun?
Die Antwort darauf fällt leicht ......... Bitte schreiben Sie eine eMail an wasserh@gmail.com, falls Sie gerne das vollständige Manuskript erhalten würden. Ich werde es Ihnen dann gerne kostenlos zusenden. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir zugleich den Grund für Ihr Interesse mitteilen würden.
Bergisch Gladbach, 6.2.2009
Dr. Harald Wasser
[1] N. Luhmann, Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996, S. 18.
[2] Der Systemgedanke spielt zwar vor allem bei Luhmann eine entscheidende Rolle. Er findet sich prinzipiell aber in jeder Form von Kybernetik. Heinz von Foerster, Glanville, Luhmann.
[3] Weil wir uns nicht damit beschäftigen werden, sei schon aus Fairness der Hinweis gegeben, dass sich heute eine vor allem am Pragmatismus orientierte, interaktionistische Variante des Konstruktivismus zu etablieren sucht. Exemplarisch seien genannt: Kersten Reich, Die Ordnung der Blicke, Neuwied 1998 (2 Bde.); s.a.: Hickman, L./Neubert, S,/Reich, K. (Hg.): John Dewey: zwischen Pragmatismus und Konstruktivismus. Reihe: Interaktionistischer Konstruktivismus Bd. 1. Münster (Waxmann) 2004.
[4] Luhmann
[5] Und dies, obwohl sich zeigen lässt, dass eben diese kontraintuitiven Elemente n nicht in die Theorie ‘hineingelegt’ wurden, sondern dass sie sich ganz im Gegenteil unvermeidlich aus der Anlage des systemtheoretischen Konstruktivismus ergeben. Anders als andere hat Luhmann nie gezögert, die Konsequenzen, die sich aus dem konstruktivistischen Gedanken ergeben, auch zu ziehen – und zwar ohne Rücksichten darauf, ob einem das dann auch gefällt, was dabei herauskommt. (Bekanntlich hatte selbst Einstein enorme Schwierigkeiten damit, ‘über seinen Schatten zu springen’, und die Konsequenzen der Quantenmechanik, die er doch selbst mit initiiert hatte, zu akzeptieren.)
[6] Vor allem also jener Kantschen Kritik der reinen Vernunft.
[7] Wilhelm Kamlah und Paul Lorenzen, Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. Bibliographisches Institut, Mannheim 1967, Ders., Konstruktive Wissenschaftstheorie. Suhrkamp, Frankfurt 1974.
[8] Paul Lorenzen, Einführung in die operative Logik und Mathematik, Berlin/Göttingen/Heidelberg 21969.
[9] E. v. Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, Frankfurt 1996.
[10] H. v. Foerster u. E. v. Glasersfeld, Wie wir uns erfinden : Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus, Heidelberg 1999, H. v. Foerster H. u. E. v. Glasersfeld u.a., Einführung in den Konstruktivismus, München 1992.
[11] Das sticht so sehr ins Auge, dass wir statt von einem Biologen auch von einem Kybernetiker mit Interessen im Bereich der Biologie sprechen können. (Maturana hat eine Ausbildung als Mediziner genossen. Stichwort: medizinische Kybernetik.) H. Maturana, Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens, Bern/München/Wien 1987 sowie Ders., Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1982.
[12] Zwei Eckpunkte für S. J. Schmidt sind: Siegfried J. Schmidt (Hg.), Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Frankfurt/M 1987 sowie Ders., Geschichten und Diskurse: Abschied vom Konstruktivismus, Reinbek bei Hamburg 2003, womit er seinen persönlichen Abschied nahm. Im letzteren Werk werden sehr schön und exemplarisch die Probleme des radikalen Konstruktivismus aus Sicht eines (ehemaligen) radikalen Konstruktivisten deutlich. Oder, Maturana: »Ich bin kein Konstruktivist« - Interview mit Humberto Maturana. In: Päd Forum. unterrichten erziehen. 31./22. Jg. 2003, H. 2 , S. 109-111. Und von Foerster: »Wann immer jemand
sagt, Heinz, wie hältst du es mit dem Konstruktivismus, da sage ich, ich möchte mit dem nichts zu tun haben. Ich habe keine Ahnung, was Konstruktivismus ist.« So Heinz von Foerster laut der Tonbandaufzeichnung einer Interviewserie, die von Albert Müller und Karl H. Müller am 10.4.1997 in Pescadero (Kalifornien) angefertigt wurde.
[13] Luhmann, Soziale Systeme. Insgesamt scheint es eher unklar zu sein, worin die Unterschiede beider Ansätze liegen. Schlägt man etwas Detlev Krauses Luhmann-Lexikon unter dem Stichwort ‘operativer Konstruktivismus’ nach, so finden sich hinsichtlich der Differenz zum radikalen Konstruktivismus lediglich einige Bemerkungen zur Subjekt-Objekt-Unterscheidung, die nicht nur im Dunkeln lassen, was Luhmann nun eigentlich anders macht, sondern darüber hinaus die (wie ich denke) entscheidenden Punkte gar nicht berührt. Selbstverständlich macht die Kürze eines lexikalischen Eintrags die Darstellung dieser Problematik nicht gerade leicht.
[14] Diese Frage stand später auch bei Hegel in Absetzung zu Kants transzendentaltheoretischer Lösung zentral, etwa in seiner ‘Phänomenologie des Geistes’. Das Besondere ans Hegels Idee besteht vor allem in seiner zukunftsweisenden Idee, dass ‘Erkennen’ sich in Form diskontinuierlicher Entwicklungsstufen entwickelt und verändert. Erst, wenn eine Stufe erreicht wurde, kann die andere sich aus ihr heraus entwickeln und in der Folge: ablösen. Entsprechend zeigt Hegel, dass sich Erkennen entlang des Erkennens entwickelt. Einjede Stufe treibt sich selbst per Rückkopplung (genau: per dialektischer Selbstnegation) voran, Ein durchaus ‘kybernetischer’ Gedanke, den auch Piaget und Freud aufgegriffen haben. Auf diese Weise gelingt es Hegel erstmalig, die wissenschaftlich-philosophische Form des Erkennens als so etwas wie eine bloße Weiterentwicklung anderer Erkenntnisformen darzustellen, als den – wie er es sieht – ‘Höhepunkt’ einer weniger komplexen, weniger reflexiven, allgemeineren Art des Erkennens dar. Interessant ist dabei auch, dass Hegel diese Entwicklungsgesetze sozusagen empirisch, nämlich anhand der realen, geschichtlichen Entwicklung des philosophischen Denkens ableitet. Hegel, Phänomenologie des Geistes und Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie
[15] »Der Beobachter kann folglich einen Gegenstand nur beschreiben, wenn es zumindest einen anderen Gegenstand gibt, von dem er ihn unterscheiden kann [...].« Maturana, Biologie der Kognition, Paderborn 1977, S. 7.
[16] Maturana, Erkennen, S. 39f.
[17] Luhmann zur Kognition; Francisco J. Varela, Kognitionswissenschaft – Kognitionstechnik: Eine Skizze aktueller Perspektiven, Frankfurt am Main 1990.
[18] Man kann – das werden wir gleich sehen – Thermostate und Fliehkraftregler ganz hervorragend kybernetisch erklären und ihnen die Fähigkeit unterstellen, Zustände zu erkennen und das heißt: zu unterscheiden. Man wird ihnen aber wohl kaum unterstellen wollen, dass sie auch in der Lage sind, zu lernen, also Erwartungen auszubilden, geschweige zu korrigieren. Im Falle des Computers mag die Sache diffiziler sein. Wenn Maturana Erkennen und Kognition in eine so große Nähe rückt, so, weil er fast ausnahmslos über Leben bzw. Lebewesen spricht. Selbst die kleinste Zelle kann in diesem Sinne lernen.
[19] Ein Grund, warum Luhmann diese Form von Systemtheorie als ‘Supertheorie’ zu bezeichnen pflegte Luhmann, Zitat Supertheorie. (GST steht für ‘General System Theory’.)
[20] Hirnforscher nennen.
[21] Die Wirtschaft der Gesellschaft.
[22] Maturana/Varela, Die biologischen Wurzeln des Erkennens
[23] Es gelten von dieser Regel so wenige Ausnahme dass wir uns hier den Hinweis auf zwei Arbeiten des Autors erlauben: Harald Wasser.......
und auch diese gelten nur ansatzweise.
[24] Wir kommen darauf zurück.
[25] Siehe hierzu oben S. 7.
[26] Norbert Wiener, Cybernetics, or Control and Communication in the Animal and the Machine [1948], 2. Aufl., Cambridge, Mass.: MIT Pr., 1961.
[27] Claude E. Shannon und Warren Weaver, The Mathematical Theory of Communication [1949], Urbana, Ill.: Illinois UP, 1963; Warren Weaver, Science and Complexity, in: American Scientist, 36: 536 (1948). W. Ross Ashby, Requisite Variety and Its Implications for the Control of Complex Systems, in: Cybernetica 1, 1958, 83-99. In ihrer Bedeutung umstrittener, vielleicht hier also umso erwähnenswerter, sind Gotthard Günther (Ders., Das Bewusstsein der Maschinen. Eine Metaphysik der Kybernetik, Baden Baden, 32002) sowie George Spencer-Brown (Ders., Gesetze der Form, Lübeck 1997).
[28] Wir führen dies untenS. 15 näher aus.
[29] Maturana
[30] Maturana und Luhmann Zur Produktion wurde dieses ‘Werden’ bereits bei Marx, der im Produzieren der Wirtschaft zugleich eine Produktion gesellschaftlicher Verhältnisse sah, die in ihrer Folge laut Marx auch das Denken bestimmt. (Marx Kapital)
[31] Weil die vorhergehende Operation per feedback zum entscheidenden Parameter wird, der beeinflusst, was als nächstes passiert, wird in kybernetischen Regelkreisen – anders als die Newtonsche Physik es vorgesehen hatte – die Zeit irreversibel. Alle Prozesse sind unumkehrbar und können nur in eine zeitliche Richtung verlaufen. Diese Eigenschaft zeigen laut Wiener alle im Zusammenhang mit Signalen, Nachrichten und Kommunikation stehenden Mechanismen. Schon aus diesem, aber auch aus weiteren Gründen lassen sich, so Wiener, Regelkreise auch nicht materialistisch (im Sinne der Physik des 19. Jahrhunderts) verstehen. Mechanismen sind nichts, was sich ‘materiell’ bzw. aus den Eigenschaften der Materie heraus begreifen ließe (was sich letztlich schon aus dem heute eher quantenmechanisch-statistischen Verständnis der ‘Materie’ ergeben sollte) – eine Schlussfolgerung, die von Teilen der Hirnforschung offenbar kaum oder gar nicht berücksichtigt wird. (Wiener)
[32] Das Thermostat, wenn es etwa einen Stromkreis schließt, ‘tut’ dies, weil sein eigener Zustand (etwa die Biegung eines Bi-Metals) dies auslöst und nicht, weil es sich für so etwas wie die Raumtemperatur der Umgebung ‘interessieren’ würde. Wem das nicht einleuchten will, der gönne sich das Vergnügen, sich dieses (schon bei Norbert Wiener zu findende) geradezu populär gewordene Paradebeispiel für kybernetische Modellbildung einmal von R. Glanville erläutern zu lassen. Glanville
[33] RK stellt sich dieser Probkematik nicht einhellig oder konsequent.
[34] Verweis
[35] Wiener
[36] Verweis auf viabel.
[37] Vgl. hierzu das auf obenS. 11 Gesagte.
[38] Querverweis
[39] »Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt. Der Beobachter spricht durch seine Äußerungen zu einem anderen Beobachter, der er selbst sein könnte.« Maturana, S. 6, Biologie der Kognition. Paderborn 1977.
[40] Auch hier wird also wieder der modellhafte Charakter der Kybernetik deutlich, denn wir könnten auch sagen: Lässt sich kein eindeutiger Beibachger benennen, so kann die Theorie zwar wahr sein; bezogen auf die Kybernetik ist sie dann aber eindeutig nicht richtig, was heißt: Sie enstpricht nicht den Vorgaben, die die Kybernetik zur Anfertiugng von Theorien macht. Es geht mithin um so etwas wie das (Theorie)Layout. (Luhmann)