Inhalt
2. Das Problem mit dem Unbewussten
3. Zur Phänomenologie des Bewusstseins und des
Unbewussten
4. Unbewusst ist nicht gleich nicht-bewusst
5. Erleben: Ein alternatives Konzept
6. Das Unbewusste in der klinischen Forschung
7. Faktische und strukturfunktionale Latenz
9. Zur Beobachtung des Unbewussten
11. Luhmanns Gründe zur Ablehnung des Unbewussten
12. Bewusstsein benötigt Einfälle
13. Systemgedanke, Bewusstsein und Unbewusstes
14. Das Unbewusste in Forschung und Therapie
15. Luhmanns Theorie autopoietischer Systeme und die
Psychoanalyse
Online veröffentlichte
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geprüft werden. Im vorliegenden Fall lautet diese »autopoietische-systeme.de«.
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich möchte Sie herzlich hier im ISS begrüßen
und danke Ihnen für Ihr Kommen!
Unser Thema mag auf den ersten Blick
angestaubt klingen? Wenn man sich aber die Forschungen und Kontroversen der
letzten Zeit anschaut, so scheint gerade heute einiges an Zündstoff darin zu
stecken.
Nun heute Abend werden verbunden durch die
Frage des Unbewussten vor allem zwei
Themenblöcke aufeinander stoßen: Freud und Luhmann. Mir persönlich ist es mit
beiden ähnlich ergangen. Als ich mit 17 auf Freud stieß, habe ich zunächst nur
angefangen ihn zu lesen, weil ich nicht glauben konnte, dass jemand so absurde
Dinge behaupten und damit auch noch berühmt werden könne. Ich besitze heute
noch mein kleines, zerfleddertes Fischer-Taschenbuch-50-Pfennig-Flohmarktbändchen »Abriß der Psychoanalyse«.
Eine rein zufällige, sehr gute Wahl. Danach folgte eine intensive Lektüre, die
dann irgendwann dazu geführt hat, dass mir Freud immer interessanter erschien
und immer weniger absurd.
Mit Luhmann, auf den ich erst durch seine
Kontroverse mit Habermas Ende der 70er gestoßen bin, ging es mir beinahe
genauso. Ich lehnte seine Theorie zunächst heftig ab, hielt weit mehr auf
Adorno und Horkheimer, las aber auch Luhmann neugierig weiter. So richtig in
seinen Bann gezogen hat mich indessen erst sein Band »Soziale Systeme« von
1984.
Besonders eigenartig wurde die Situation, als
mir klar wurde, dass zu meinen Favoriten nicht nur zwei höchst umstrittene
Theoretiker zählten, sondern beide auch zu allem Überfluss als völlig
unvereinbar galten. So suchte ich einen Weg, dass Gegenteil zu darzulegen und
daraus wurde meine Dissertation mit dem Titel Sinn – Erfahrung – Subjektivität.
Würzbug 1995 (kostenloser Download auf www.autopoietische-systeme.de.)
Ich bewundere und schätze also das, was uns
Luhmann als Systemtheorie hinterlassen hat. Aber ich bin der Meinung, dass die Systemtheorie
an einigen Stellen dringend revisionsbedürftig ist, wenn sie nicht als
flüchtiges Phänomen des 20sten Jahrunderts in die Geschichte eingehen möchte.
Ich werde daher immer wieder auf Stellen aufmerksam machen, an denen ich
Anpassungen für notwendig erachte.
Unser Thema heute lässt sich
wie folgt kurz umreißen:
Mit Luhmann ist keine Theorie unbewusster Operationen des psychischen
Systems denkbar. Aber wieso hat Luhmann den
Begriff des Unbewussten abgelehnt? Und: Lässt sich an dieser Situation für die
Zukunft der Systemtheorie etwas ändern?
Wie könnten wir uns einen Begriff des
Unbewusstes vorstellen, der in unterschiedlichen Theorien, in der Forschung und
in der Therapie anwendbar wäre? Und abschließend: Was hat das alles mit dem zu
tun, was zur Zeit hier und dort als »Renaissance der Psychoanalyse« etikettiert
wird?
Luhmanns Systemtheorie ist im Theoriesektor
»soziale Systeme« durch eine sehr hohe Theoriedichte gekennzeichnet. Im Sektor
»psychische Systeme« findet sich dagegen bislang nur eine
kognitionspsychologisch nachjustierte Adaption der bewusstseinsphilosophischen Identitätstheorie, in der die Psyche =
Bewusstsein gesetzt wird und die über weite Strecken der Subjektphilosophie
entlehnt wurde. Mit dieser Gleichsetzung wird nicht nur die Möglichkeit
verspielt, unbewusst ablaufende Operationen in die Theorie einbeziehen zu
können, sondern auch jede Chance, die Psyche als ein intern differenziertes
System zu beschreiben, denn das Bewusstsein »kennt« keine Subsysteme. Eine
systemtheoretisch sicherlich nicht wünschenswerte Einschränkung, die nur bei
einem Verzicht auf das Postulat von der
Identität von Psyche und Bewusstsein vermieden werden könnte.
Luhmann hat die Systemtheorie immer gerne als
Supertheorie bezeichnet, was unter andrem darauf hinweisen sollte, dass sie
auch sich selbst zum Gegenstand nehmen könne. Nennen wir sie hier etwas
bescheidener eine »Großtheorie«, was auf ihre zweite Besonderheit zielt. Diese
weitere Besonderheit besteht darin, dass sie nicht als Theorie bestimmter
Gegenstände oder eines bestimmten Forschungsgebietes auftritt, sondern als eine
die Einzeldisziplinen übergreifende, transdisziplinäre
Theorie der Systeme. Systemtheoretiker kann man daher als Biologe, als
Soziologe oder als Psychologe etc. sein.
Interessant an diesem Sachverhalt ist für uns
heute Abend vor allem folgender Aspekt: Transdisziplinäre Theorien lassen zwei
entgegengesetzte Möglichkeiten zu, auf die Anliegen der Einzeldisziplinen zu
reagieren: Entweder man versucht, die Inputs der Einzeldisziplinen zu nutzen,
um die Großtheorie optimal auf die Bedürfnisse diverser Einzelforschungen
abzustimmen. Oder man schaut sich die Einzelforschung nur an, um deren Vorgehen
den Bedürfnissen der Großtheorie gefügig zu machen. Ohne Frage wäre sicher ein
Mittelweg ideal, aber ich fürchte, der zweite Weg ist bei Systemtheoretikern
weitaus beliebter: Man kann dann nämlich sehr schön seine Theorie »festzurren« und im Anschluss aus ihr ableiten, was in Forschung und
Therapie an Phänomen auftreten darf und was nicht. Im Kern ist es auf diese
Weise dazu gekommen, dass zur Zeit die Rede vom Unbewussten in einem für
Forschung und Therapie befriedigenden Sinn von den meisten Systemtheoretikern
eher behindert als unterstützt.
Ich werde im Folgenden versuchen, die
Resultate aus Forschung und Therapie der Einzeldisziplinen als Impulse
aufzunehmen und dann versuchen, eine Revision innerhalb des Theoriegebäudes der
Großtheorie durchzuführen, um diese besser an den Stand der Einzelforschung
anzupassen. Dabei werden wir allerdings im Auge behalten müssen, dass keine
Theorie beliebig belastbar ist. Ich bin aber zuversichtlich, dass die
Systemtheorie bei weitem über genügend Reserven verfügt, um die von mir
vorgeschlagene Anpassung im Bereich der Theorie
psychischer Systeme zu verkraften. Wenn ich hier richtig liege, so wird sie
sogar ganz im Gegenteil davon profitieren.
Gehen wir nun in medias res und beginnen wir
also mit der Frage, warum Luhmann abgelehnt hat, die Psyche anders denn als
Bewusstsein zu beschreiben?
Luhmanns Bewusstseinsmodell schloss die
Annahme eines Unbewussten von Anfang an aus. Der entscheidende Grund dürfte
dabei darin gelegen haben, dass er von Husserl herkommend die
bewusstseinsphilosophisch tradierte Gleichsetzung
von Psyche und Bewusstsein übernommen hatte. Wenn man aber das psychische
System als identisch mit dem Bewusstsein ansieht, verbietet sich natürlich
schon rein logisch jede Annahme, dieses System könne auch unbewusst operieren.
Nun sah sich Luhmann allerdings in der Situation, erklären zu müssen, wie so
prominente Theorien wie die Psychoanalyse dazu kommen können, es gebe
unbewusste Operationen.
Seine Antwort war ganz auf die
Therapiesituation der Psychoanalyse bezogen und lautete, das Unbewusste sei schlicht
ein »Unding«, ein bloßes »Artefakt der Beobachtung«. Er sprach auch wörtlich
davon, es sei eine Un-heit und wies
darauf hin, dass es Un-heiten – oder
wie manche heute sagen: Un-jekte – nicht geben könne, da sie nur negativ
bestimmt seien. Aus dem bloßen Fehlen von etwas ergebe sich kein eigenständiger
Gegenstand.
Ich denke, für Un-heiten und Unjekte trifft
Luhmanns Kritik durchaus zu. Die Frage ist aber: Handelt es sich
tatsächlich beim Unbewussten um einen nach dem Muster von Unheiten konstruierten
Gegenstand? Zielen Psychologen und
Neurophysiologen tatsächlich auf etwas nur negativ Bestimmtes, wenn sie vom
Unbewussten sprechen? Ich werde im Nachfolgenden versuchen, nachzuweisen, dass
dies keineswegs so ist. Der Begriff des Unbewussten funktioniert weit mehr nach
dem Muster des »Un-hörbaren« oder
des »Un-Sichtbaren«: Etwas
»Unhörbares« ist aber keine Unheit, kein Unjekt, sondern etwas, dass man vielleicht zum Beispiel sehen, aber eben
nicht hören kann. So wie etwas »Unsichtbares« durchaus fühlbar, geschmackvoll,
duftend oder hörbar sein kann. Ein Haken
an der Sache sei zugestanden: Anders als Unsichtbares, das man hören kann,
lässt sich über das Unbewusste qualitativ nicht viel sagen. Aber auch darauf
werden wir gleich zurückkommen.
Das Unbewusste hat seinen Namen in Differenz
zum Bewusstsein erhalten. Ein Name ist aber kein Begriff. Wenn ich »Rainer«
oder »Thomas« sage, so mögen auch andere verstehen können, wen ich meine. Aber aus dem Namen selbst sollte man tunlichst keine
Eigenschaften der Person ableiten. Das mag bei »Häuptling großer Bär« ein wenig
anders sein. Der Häuptling mag groß und stark sein und das Unbewusste freilich
irgendwas jenseits des Bewusstseins. Aber das ist schon alles, was uns ein Name
verraten kann.
Worauf ich hinaus möchte, ist die
Feststellung, dass Luhmann in seiner Behauptung, das Unbewusste sei nach dem
Muster eines Unjekts konstruiert, einen Irrtum begeht: Er unerstellt – nomen
est omen – die Namensgebung definiere bereits den Gegenstand oder präziser
formuliert: Der Name sei hier Begriff.
Dass dies nicht so ist, lässt sich am deutlichsten zeigen, wenn wir kurz einen
vergleichenden Blick in die Phänomenologie des Bewusstseins und des Unbewussten
werfen. Es wird dann schnell erkennbar werden, dass man mit einer bloßen
Negation des Bewusstseins nicht sehr weit kommt. Das Unbewusste muss auch
unabhängig von seinem Bezug zum Bewusstsein bestimmt werden, wenn man seinen
Begriff inhaltlich zufriedenstellend anreichern möchte.
Historisch betrachtet wurde der Begriff des Unbewussten zumindest von Freud
zunächst gewählt, weil sich rein
qualitativ über unbewusste Erlebensvorgänge nunmal nichts aussagen ließ,
außer: dass es psychische Prozesse gibt, die kein Bewusstsein in Anspruch
nehmen. Als mit Hilfe des Bewusstseins
denkende Menschen befinden wir uns aber auch heute noch in einer Situation,
ähnlich der eines von Geburt an Blinden.
Dieser kennt die ihm bekannten Qualitäten des Hörens, Fühlens und Schmeckens
etc. Aber er kann sich nicht wirklich vorstellen, welche Qualität diese Art von Wahrnehmung wohl hat, die andere mit
»Sehen« bezeichnen. Qualitativ würde
er Sehen daher nur aus Sicht der ihm bekannten Wahrnehmungen beschreiben können
und also sagen müssen, es handele sich zwar um ein Wahrnehmen, aber zugleich um
ein Nicht-Hören, ein Nicht-Schmecken und ein Nicht-Riechen. Ich betone: rein qualitativ stellt sich dieses Problem! Denn der
Blinde wird dennoch problemlos viele positive Bestimmungen darüber treffen
können: »Sehen« funktioniert nur mit Licht, mit Hilfe der Augen, über
erhebliche räumliche Distanzen hinweg, lässt Farben unterscheidbar werden,
reicht räumlich oft viel weiter als das Gehör reicht usf. Für ihn bleiben das
aber alles Bestimmungen eines »so-wie-ich-leider-nicht-wahrnehmen-kann«.
Aber wird er deshalb ernsthaft daran zweifeln, dass Sehen einen realen Prozess
darstellt, etwas, das bei vielen funktioniert? Oder wird er es für eine Un-heit
halten, weil die Welt für ihn unsehbar ist?
Bezüglich des
Unbewussten sind wir wohl die Blinden. Denn, wenn wir nachdenken, so nutzen wir dazu
stets unser Bewusstsein. Und unser
Bewusstsein operiert nunmal immer bewusst. Und also wird es uns antworten,
dass es von unbewussten Vorgängen »im Kopf« nichts wisse und dass es alles, was
es erlebe, bewusst erlebe und dass es daher gar kein Unbewusstes geben könne.
Punkt! Unser Bewusstsein verhält sich also wie die grünen Erbsen in Andersons
Märchen. Diese reifen in ihrer grünen Schote vor sich hin und meinen, die
ganze Welt sei grün. Und als sie reifer werden und die Schote langsam gelb und
sie selbst ebenfalls gelb werden, da verkünden sie: »Schaut an! Die ganze Welt
wird gelb!« Wenn wir also ausgerechnet unser Bewusstsein nach unbewusstem
Erleben fragen, so machen wir wohl ein
jedes Mal »den Bock zum Gärtner«.
»Unbewusstes« ist also keineswegs eine
»Unheit«, sondern lediglich »Etwas«, dass irgendwie
anders, jedenfalls aber nicht
bewusst abläuft – ganz so wie Farben für das Ohr qualitativ etwas Unhörbares sind, und dennoch keine »Unheiten«: Das Unbewusste ist
ein Etwas, dessen Erlebensqualität sich
nicht bestimmen lässt.
In dem Punkt, dass »unbewusst« eine
Namensgebung ist, die aus der Sicht des Bewusstseins getroffen wird, sind sich
eigentlich heute alle einig. Das sah auch Luhmann so. Was Luhmann übersehen hat
war nur, dass es interessantere Perspektiven auf das Unbewusste gibt, die nicht
auf seinen Namen zielen, ja, noch nicht einmal auf einen Vergleich mit dem
Bewusstsein, sondern auf einen weit darüber hinausgehenden Begriff. Unbewusst ist nicht gleich nicht-bewusst.
»Nicht bewusst« ist der Psyche vieles, das
dennoch relativ problemlos bewusst werden kann. Nicht-bewusst ist der Psyche
zum Beispiel alles, von dem sie im Augenblick nichts weiß. Vielleicht ist in
diesem Moment ihr Wellensittich gestorben. Aber das ist ihnen natürlich jetzt
nicht bewusst. Nicht bewusst ist ihnen aber auch alles, an das sie gerade
einfach nicht denken, obwohl sie es wissen. Wenn ich jetzt denke, ich bin in Hamburg
und gleich nicht mehr daran denke, so ist mir gleich vordergründig nicht bewusst, dass ich in Hamburg bin. Das ist
trivial. Aber eben deshalb wäre es wenig klug, den Begriff des Unbewussten so
anzulegen.
Aber halt: Wenn ich in den nächsten Minuten nicht
mehr an Hamburg denke, ist es mir dann nicht doch immer noch irgendwie bewusst, dass ich in Hamburg
bin? Ganz sicher ist, dass ich weiß,
dass ich in Hamburg bin. Ich könnte mir das also jederzeit bewusst machen. Aber
es scheint mehr dahinter zu stecken: Ich behaupte, dass ich sogar, wenn es mir vordergründig nicht bewusst ist doch irgendwie bewusst ist, dass ich in
Hamburg bin. So eine Art »Hintergrundbewusstsein«,
etwas, das nicht mit diesem aktuellen
Bewusstseinsstrom identisch ist. Etwas, das sich dort nur schwer ausmachen
lässt, aber den Horizont des
vordergründig Bewussten bildet. Das lässt sich leicht demonstrieren: Einen
großen Teil der Dauer meines Vortrags werde ich nicht vordergründig daran
denken, dass ich in Hamburg bin. Alltagssprachlich gefasst würde man sagen: Ich
denke in diesen Momenten gar nicht daran. Ich werde genauso wenig ständig
denken, dass ich einen Vortrag halte und sie das Publikum sind. Und dennoch
fange ich gleich nicht auf einmal an zu pfeifen oder Pudding zu essen, und zwar
deswegen nicht, weil ich mir während jedes vordergründig
ablaufenden, wechselnden und sich aktualisierenden Gedankens im Hintergrund kontinuierlich bewusst bin,
dass ich in Hamburg bin und gerade einen Vortrag halte, und dass Sie daher das
Recht haben, von mir angemessen behandelt zu werden und mein Pudding daher
warten muss.
Es ist also möglich, und vielleicht sogar
notwendig, den Begriff des Bewusstseins wesentlich weiter zu fassen, als den
des sogenannten Aktualbewusstseins, welcher Begriff beinahe immer nur auf das vordergründige Bewusstsein zielt. Das
sehen sicherlich viele psychologische Strömungen und auch der größte Teil der
Hirnforschung so. Gerhard Roth z.B.
nimmt sogar explizit Bezug auf ein Hintergrundbewusstsein.
Leider aber haben sich die meisten Systemtheoretiker
auf den sehr eingeschränkten Begriff des Aktualbewusstseins festgelegt. Und, wenn ich mir die Bemerkung
erlauben darf: Auch Luhmann hätte das eigentlich anders sehen können, kam er
doch von Husserl, dessen Horizontmodell immer einen Vordergrund von einem sich - im Extrem - nur noch marginal
andeutenden Hintergrund abheben sah. Das Husserlsche Horizontmodell ist gerade
darum ein sehr gelungenes Bild für den geschilderten Sachverhalt: Irgendetwas
steht im Fokus, alles andere sehen wir kaum. Aber es ist nicht wirklich weg
oder »abwesend« (wie manche Neo-Dekonstruktivisten behaupten), denn nur durch
dieses kaum bemerkte Andere kann sich das, was wir so deutlich sehen,
ausreichend abheben. Um etwas in den Fokus nehmen zu können, muss etwas anderes
defokussiert werden. Anders geht es nicht. Und wir können deshalb zoomen oder
umschwenken, den Fokus langsam ändern. Anderes gerät in den Vordergrund, alles
übrige scheint förmlich in die bloße Erahnbarkeit und darunter zu versinken.
Wir »bemerken« es nicht mehr. Unserer »Aufmerksamkeit« ist woanders. In eben
diesem Sinne ist uns dieser Hintergrund aber
dennoch irgendwie bewusst. Es lässt sich jedenfalls leicht nachweisen,
dass er dem Vordergründigen die Kontur gibt, derer dieses unbedingt bedarf.
Und: Es ist auch klar, dass wir uns
alles hintergründig Bewusste auch jederzeit vordergründig bewusst machen können.
Ähnlich gelagert ist der Fall, wenn wir etwas
aus unserem Gedächtnis abrufen, um es uns bewusst zu machen. Etwas im
Gedächtnis zur Verfügung Stehendes wird also die ganze Zeit GEwusst, aber erst, wenn wir es
abfragen, wird es BEwusst. Damit
zählt GEwusstes also zum – wie Freud
es nannte – Bewusstseinsfähigen,
einer dritten Art von Bewusstsein. In einer Veranschaulichung: Nehmen wir an,
Ihr Gegenüber bietet Ihnen einen Grappa an. Ihr Gedächtnis verfügt über dass
Wissen, dass Sie gleich noch eine weite Strecke mit dem Auto fahren müssen.
Obwohl Sie diese Tatsache vielleicht seit Stunden nicht mehr beschäftig hat,
schwups, mit dem Vorschlag Ihres Gegenübers, einen Grappa zu trinken, wird es
Ihnen sofort bewusst. Auch »nur« GEwusstes ist also engstens mit Ihrem
Bewusstsein verzahnt, wartet nur auf sein Signal, um auf der Bühne zu
erscheinen. Im Erinnern assoziieren Sie jedenfalls nichts Unbewusstes, sondern
etwas Bewusstseinsfähiges, etwas Ihr Bewusstsein hintergründig fortwährend
konturierendes.
Irgendwie enttäuschend. Wir haben eigentlich
immer noch wenig Positives zum Unbewussten herausgefunden. Stattdessen hat sich
durch unsere Überlegungen ganz im Gegenteil der Begriff des Bewusstseins um
einiges zunächst als nicht-bewusst erscheinende erweitert. Bewusstsein wurde ausgedehnt - Unbewusstes
um eben diesen Anteil reduziert. Aber gerade dieser Weg macht in besonders
krasser Weise deutlich, dass es sich beim Unbewussten, wenn der Begriff
wissenschaftlich Sinn machen soll, keineswegs um etwas im trivialen Sinne
Nicht-Bewusstes handeln kann. En passant wurde dabei erkennbar, dass
der Begriff des Bewusstseins seinerseits keineswegs selbsterklärend ist, sondern im jeweiligen Kontext erst scharf
gezogen werden kann. Man kann ihn in verschiedenen Zusammenhängen also
enger oder weiter fassen.
Das Phänomen »Bewusstsein« hat also etwas
Schillerndes, das wir ihm auch nicht nehmen sollten. Sehr wohl aber sollten wir
festlegen, auf welchen begrifflichen Umfang wir jeweils zielen, wenn wir von
Bewusstsein reden. Ich schlage daher vor, dass wir für unsere Zwecke
Bewusstsein in dem eben erläuterten, sehr weiten Sinn verwenden. Alles, was wir
wissen und uns ins Bewusstsein holen können, sollte dazu gehören und ebenso
alles das, was sich am Horizont desselben nur marginal andeutet. Es steht aber
außer Frage, dass es in anderen Zusammenhängen – gerade in therapeutischen –
immer wieder Sinn machen kann, nur Vordergründiges als »bewusst« zu bezeichnen.
Worauf ich hinaus möchte: Wir sollten uns
nicht fragen, WAS IST das Bewusstsein? oder WAS IST das Unbewusste? Denn es
geht ja nicht um die Frage, WAS das ist,
sondern darum: wie wir es unter
Berücksichtigung der beobachtbaren Phänomene sinnvoll definieren könnten. Wir Beobachten ja nie »DAS Bewusstsein«,
so, als wäre es ein Ding, etwas kompakt Vorliegendendes (wie ein Stein),
sondern wir »kondensieren« (Luhmann)
eine Fülle von beobachtbaren Phänomenen im Begriff des Bewusstseins. Ob wir
(kontextsensitiv) Hintergrundbewusstsein zum Bewusstsein hinzuzählen oder
nicht, ob wir Bewusstseinsfähiges (Freud: »Vorbewusstes«) in den Begriff
einbeziehen oder nicht, bleibt unseren
Überlegungen und Entscheidungen überlassen.
Man kann seit Luhmanns Tod den Eindruck
gewinnen, dass gerade in der Systemtheorie einige Theoretiker das Bewusstsein
für etwas halten, dass es »einfach so gibt« und das, wenn man es einfach nur
»präzise beobachtet«, sozusagen »seinen eigenen Begriff definiert« oder gar »in
sich trägt«. Eben darum gilt es ja auch als »real« - im Gegensatz zu unbewussten Operationen.
Die Tendenz, »die Dinge« so zu betrachten,
hat sich natürlich verschärft, seit mit der Übernahme dekonstruktivistischen
Gedankenguts Luhmanns phänomenologischer Ansatz (wenn nicht bereits verloren,
dann doch) in den Hintergrund gerückt ist. Gerade hier, so mein Eindruck, tun
sich heute noch einige Systemtheoretiker trotz ihres konstruktivistischen Ansatzes eher schwer. Sie meinen, es müsse
möglich sein, aus der Großtheorie in einer Art Deduktion und rein beobachtungslogisch förmlich zu
»errechnen«, was Bewusstsein und Unbewusstes denn nun »eigentlich« seien.
Dabei setzen viele Systemtheoretiker häufig
die gleiche Prämisse wie Luhmann und identifizieren also das Bewusstsein mit
dem psychischen System. Und selbst, wenn sie das nicht tun, so sprechen sie
jedenfalls nur dem Bewusstsein Sinnverarbeitung zu. Ein solcher Ansatz steht
aber längst nicht mehr nur im Gegensatz zum psychoanalytischen Denken, sondern
ebenso zu einer steigenden Zahl heute bekannter und von ganz anderen Theorien
beschriebener Phänomene, die von AHS bis zur Sichtbarmachung der emotionalen
Steuerung von Träumen reichen (etwa bei Solms). Einige Systemtheoretiker
sprechen nichts desto Trotz sogar höheren Tieren, Babys und Kleinkindern ab,
sinnhaft operieren zu können, geschweige, über Bewusstsein zu verfügen. Dabei
finden Resultate neuerer empirischer Forschungen zu diesen Themen, wie sie etwa
bei Allen, Bekoff, Bermudez, Dretske,
Millikam, Stephan, aber auch bei Damasio
zu finden sind, meines Wissens keine Berücksichtigung. (Zumindest findet
man in der Argumentation wie in den Literaturverweisen keine Hinweise auf
neuere Forschungen. Stattdessen eine Sammlung von: Klassikern.) Alles wird nach
Art der arm chair philosophy aus der Großtheorie, vor
allem ihrer Theorie der Beobachtung sowie ihrer Theorie der Medien,
»deduziert«. Als ob die Systemtheorie a
priori und also vor aller Erfahrung in
sich bereits dieses Wissen über die Welt
bereit halten würde und man müsste es ihr nur mit logischer Raffinesse
entlocken. Ich glaube, das war sicher weder Luhmanns Anliegen noch seine
Auffassung von Systemtheorie. Ich fürchte, mit einem so theoriezentrierten
Blick verliert man nicht nur den Bezug zur empirischen Forschung der
Einzeldisziplinen mit allen Ansprüchen an therapeutische Erfolge aus den Augen,
sondern gleich den Konstruktivismus
selbst, der ja nicht in Richtung auf
aprioristische, logisch deduktive Konzepte hin, sondern ganz im Gegenteil modelltheoretisch angelegt wurde.
Gerade der Konstruktivismus soll ja
anders als ontologische Konzepte die zeitgemäße
Anpassbarkeit jedes Modells an die jeweils gestellte Aufgabe optimieren. Im Konstruktivismus wird ja gerade der
Glaube an eine für alle Zeiten gültige Wahrheit aufgegeben, um historisch
sich den Umständen anpassende Modellierrungen von Theorien und
Erkenntnisprozessen zu ermöglichen. Das hat auch Luhmann immer wieder betont.
Ich schlage eben darum vor, dass wir unter Beachtung der Phänomene und des
jeweiligen Kontextes abwägen, welche
Definitionen des Bewusstseins wissenschaftlich bzw. therapeutisch sinnvoll sein
würde (und uns also nicht fragen, WAS das ist: Bewusstsein).
Aber wie dem auch sei, Freud jedenfalls hat
seine Definitionen sehr überlegt gewählt, und er war sich seiner Freiheiten,
aber auch der damit verbundenen notwendigen Einschränkung jeder Willkür durchaus bewusst. Er hat sich für einen
sehr weit gefassten Begriff entschieden und Bewusstsein nicht einmal auf das
Wachbewusstsein eingeschränkt. Vielmehr betrachtete er sogar Traumereignisse
als Bewusstseinsereignisse, schon, weil er es interessant fand, »daß das
Bewußtsein im Traum so ungestört die Qualität wie im Wachen liefert.« Keinen
Sinn sah er jedenfalls darin, alles nicht bewusste gleich schon als unbewusst
zu bezeichnen. Täten wir das, so würde der Term »unbewusst« seine Qualitäten
als wissenschaftlicher Fachbegriff einbüßen.
Aus analogen Gründen hat er auch den Begriff des Unter-Bewussten abgelehnt. Er lege einerseits nahe, dass etwas nur
knapp unterhalb des Bewusstseins stattfinde oder sogar ganz schwach bewusst
sei. Auf der anderen Seite vermittle er den Eindruck, es handele sich um ein zweites Bewusstsein, das parallel, wenn
auch unterhalb des Alltagsbewusstseins existiere.
Noch immer ist die Frage offen, wie wir ein
solches Unbewusstes innerhalb von Luhmanns Systemtheorie unterbringen könnten.
Fest steht, dass wir einen Weg finden müssen, sein Postulat von der Identität
von Psyche und Bewusstsein zu unterlaufen. Wir benötigen dazu zunächst einmal
schlicht einen Begriff, der die Psyche weder auf Bewusstsein noch auf
unbewusste Operationen reduziert. Aber auch, wenn wir einen vollwertigen Ersatz
gefunden haben sollten, können wir das Identitätspostulat nur fallen lassen,
wenn es uns zugleich gelingt, einen Ersatz anzubieten, der mit Luhmanns Theorie
des Sozialen auf der einen und mit aktuellen psychologischen Forschungen und
Therapien sowie Freuds psychoanalytischen Konzepten auf der anderen Seite
harmoniert.
Daher schlage ich vor, dass wir kurz
skizzieren, welche Mindestanforderungen
ein Ersatzbegriff erfüllen müsste, um als Kandidat
für einen vollwertiger Ersatz überhaupt in Frage kommen zu können.
Luhmann ging davon aus, dass es zwei gänzlich
verschiedene Möglichkeiten gebe, Systeme zu unterscheiden. Die erste bestehe darin, das ein System
sich von der Art seiner Operation her
von allen anderen Systemen unterscheidet. So operieren biologische Systeme über
Funktionen, die Leben erhalten, soziale Systeme kommunizieren und die Psyche
»bewusstet« (laut Luhmann), wenn man so formulieren darf. Er nannte diese
basalen Operationsweisen den »Operationsmodus
des Systems«.
Die zweite
Art von System entsteht, indem ein System anfängt, sich selbst (intern) in Subsysteme zu differenzieren. So hat sich
das System der Gesellschaft im Laufe der Evolution etwa in die Subsysteme
Religion, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft, Recht etc. differenziert. Diese
Systeme müssen, um als Subsysteme eines übergeordneten Systems begriffen werden
zu können, das wesentliche Merkmal des übergeordneten Systems bewahren, also
den Operationsmodus fortführen – im
Falle der Gesellschaft geht es dabei also um die Fähigkeit des Kommunizierens,
im Falle biologischer Systeme um Leben. Um sich auf der einen Seite vom
übergeordneten System und auf der anderen Seite von allen anderen Subsystemen
unterscheiden zu können, müssen Subsysteme ein weiteres »Merkmal« ausbilden
Dieses nannte er im Falle sozialer Systeme den »Code des Systems«: Daher
orientiert die Wirtschaft ihre Kommunikation immer am Code »Geld«, die
Wissenschaft immer an der Unterscheidung von »wahr und falsch«, das Recht ist
codiert nach der Frage »Rechmäßigkeit« und die Religion bindet alle ihre
Kommunikationen an die Unterscheidung von »weltlich und transzendent«. So
können sich die Systeme vom Großsystem im Sinne einer Spezialisierung absetzen
und gleichzeitig glasklar voneinander differenzieren.
Als Basisoperation der Psyche nannte Luhmann
das Bewusstsein. Das war nur
konsequent aus seiner Sicht. Sich da an Husserl anzulehnen, lag nahe, auch weil
auf diese Weise andere Theoreme Husserls eingewoben werden konnten, also etwa
Husserls Sinnbegriff, sein Zeitbegriff und natürlich seine phänomenlogische
Herangehensweise als solche.
Wie also müsste ein alternativer Kandidat
beschaffen sein, den man als Operationsmodus des psychischen Systems und damit
als Ersatz für Bewusstsein einsetzen könnte? Nun, eins steht fest, »das
Unbewusste« kann dieser Kandidat nicht sein, denn das hieße, nun umgekehrt auf
Bewusstsein verzichten zu müssen und also das Kind mit dem Bade auszuschütten.
Der Kandidat muss sich also dadurch auszeichnen, Bewusstes wie Unbewusstes
miteinander verbinden bzw. übergreifen zu können. Im Deutschen gibt es einen
Begriff, der eigentlich jede Art geistiger Zustände und Prozesse meint, wenn
auch zugegebner Maßen in den meisten Fällen auf Bewusstsein zielt. Dieser
Begriff ist der des Erlebens.
Schließlich sagen wir nicht, »ich habe das und das bewusstet«. Wir sagen: »Ich
habe das und das erlebt.« Der
Begriff schließt also Bewusstsein ein und nicht aus. Aber er legt sich nicht
auf Bewusstsein fest. Wenn wir zu jemanden sagen: »Offensichtlich habe ich das
als sehr unangenehm erlebt, sonst hätte ich nicht so brüsk reagiert«, dann
heißt das, dass wir uns selbst manchmal klar darüber werden können, dass uns
nicht immer alle Aspekte unseres Erlebens auch unmittelbar bewusst sind. Das
ist kein sehr strenger Begriff des Unbewussten, aber uns reicht hier ja ein »door opener«.
Es existiert innerhalb der Psychologie
natürlich auch die These, unbewusste Prozesse seien eben rein physiologische,
also etwa Gehirnprozesse. Aber auch diese Hypothese kann uns nicht zu der
gewünschten Problemlösung führen, denn erstens müsste dann die Psychologie
alles Unbewusste an die Neurophysiologie verweisen und damit auf einen
explanativ wie therapeutisch wichtigen Theoriebaustein verzichten, und zweitens
unterscheidet ja die Systemtheorie nicht ohne Grund explizit zwischen Physis
und Psyche als zwei voneinander getrennt operierenden Systemen. Mit der Folge,
dass Operationen des Gehirns (Nervensystems) nicht identisch mit Operationen
des psychischen Systems sein können. Faszinierend ist, dass Luhmann an seinem
Schema festhielt, obwohl er die kaum zu überschätzende Möglichkeit, die
Psychologie um viele Phänomen und Erklärungsmuster mit Hilfe des Unbewussten zu
bereichern, präzise erkannt hatte: »Mit Hilfe der Differenz bewußt/unbewußt hat
sich Psychisches vom Körperlichen (oder genauer: vom Körper/Seele-Schema)
emanzipiert, ist eigenmächtig und seinerseits hochkomplex geworden.«
Fassen wir zusammen: Jedes autopoietische
System muss aus wissenschaftlichen Gründen vier Bedingungen genügen: Es muss erstens kommunikativ beobachtbar sein,
denn die Wissenschaft ist Teil des Kommunikationssystems.
Es muss zweitens alle seine Elemente
selbst herstellen können, sonst ließe es sich nicht als ein autopoietisches System beschreiben. Es
muss drittens mit allen seinen Elemente
zugleich Bezug aus sich selbst nehmen, sonst würde es sich nicht um ein selbstreferentielles System handeln.
Und es muss viertens geschlossen operieren,
also alle Umweltkontakte als
Selbstkontakte verarbeiten können.
Prüfen wir also nun, welche der genannten
Bedingungen der Begriff des Erlebens abdecken kann: Erleben als unbewusstes und
bewusstes Operieren übergreifend ist ohne Frage kommunikativ beobachtbar, sonst
säßen wir nicht hier. Damit wäre der erste Punkt erfüllt. Und da nur das
jeweilige psychische System selbst seine Erlebnisse als eigene Erlebnisse erzeugen kann, Erlebnisse also nicht von außen
zugeliefert werden können, muss es sich wohl um ein geschlossenes System
handeln. Wir können den Patienten von außen pieksen, aber sein Schmerzerlebnis muss er schon selbst – also im
System – erzeugen. Das meinte Luhmann, wenn er davon sprach, dass ein
geschlossenes System ein System sei, dass alle Umweltkontakte als Selbstkontakte verarbeiten könne.
Bis hierher wissen wir also bereits, dass der
Begriff des Erlebens ein autopoietisches und zugleich geschlossenes System beschreibt.
Bleibt noch die Forderung nach Selbstreferentialität,
also der Selbstbezugnahme in allen Fremdbezugnahmen: Wir könnten niemals sagen,
die Erlebnisse eines Systems seien seine eigenen
Erlebnisse, wenn das System nicht in allen Erlebnisse einen Bezug auf sich selbst herstellen würde. In
der Regel finden wir beim Menschen sogar Selbstbewusstsein.
Mein Schmerz kann nur mein Schmerz sein, denn selbst im Erleben eines mir von
außen zugefügten Schmerzes nehme ich immer auch Bezug auf mich selbst als den, der Schmerzen hat. Und das wird sicher der
Regelfall des Erlebens sein. Trifft dies einmal nicht zu, so haben wir es mit
einem pathologischen Phänomen zu tun und dergleichen soll der Begriff ja auch
erkennbar werden lassen. Wenn im AHS-Syndrom die linke Hand nicht als die
eigene erlebt wird, so muss der Begriff des Erlebens es zulassen, dies zu
erkennen und zu beschreiben. Und auch das scheint gegeben. Man denke etwa an
die Schizophrenie oder andere Symptome des Persönlichkeitsverlustes etwa im
Rahmen von Amnesien. Und: Erleben schließt auch den Fall des Bewusstseins nicht
aus, sondern ein. Kaum ein anderer Begriff wie der des Erlebens kann so
trennscharf psychische Vorgänge von somatischen separieren. Welche somatischen
(z.B. neurologischen) Vorgänge auch immer z.B. mit »Schmerz« in einem irgendwie
gearteten Zusammenhang stehen mögen: Wenn von einer (Schmerz)Empfindung die
Rede ist, so kann systemtheoretisch der Psyche nur dasjenige genuin zugerechnet
werden, was »gespürt«, »empfunden«, also erlebt
wird. Jedenfalls lassen sich alle Gedanken,
Gefühle und Wahrnehmungen immer als Erlebnisse
charakterisieren. Und wer mag, kann dann diese immer noch durch den Zusatz
»bewusst« spezifizieren. Erleben und Erlebnis generalisieren also jedes
psychischen Operieren.
Alles passt somit zusammen und so können wir
»Erleben« als alternativen Kandidaten für die Bestimmung der Basisoperation des
psychischen Systems weiterhin in Betracht ziehen.
Als ich Luhmann 1994 oder 1995, jedenfalls
nicht allzufern von seinem plötzlichen Tod, diese Idee vorstellte, bat er mich,
darüber einen Artikel in Soziale Systeme zu veröffentlichen, schaute mich
danach aber eine Weile nachdenklich an, so dass ich langsam unruhig wurde.
Daher fragte ich ihn, ob ich etwas übersehen habe und er meinte: »Ja. Wie
sollen Übersetzer das auf englisch, italienisch, russisch oder spanisch sagen?
Ich verwende diesen Begriff ja gelegentlich auch und da klagen sie immer und
haben es damit auch nicht einfach.« Ich gestand ihm, dass bisher noch kein
Verlag darüber nachgedacht habe, meine Schriften in andere Sprachen zu
übersetzen und er lachte. Immerhin beruhigte mich damals, dass sein Einwand nicht theoretischer Natur war.
Wenn wir also für heute noch die Probleme der
Engländer, Italiener, Russen und Spanier beiseite lassen und zunächst ganz
neutral dafür optieren, dass psychische Systeme erleben bzw. etwas erleben,
dann können wir zumindest offen lassen, ob
sie dies bewusst tun oder nicht. Das alleine ist schon ein Vorteil und ein
klarer Schritt weg vom Monopol des Bewusstseins. Psychische Systeme bewussten nicht: sie erleben!
So haben wir nun einen Weg gefunden, Luhmanns
Postulat von der Identität von Psyche und Bewusstsein zu unterlaufen, denn auch die anderen Anforderungen, die
Luhmann an psychische System stellt, kann der Begriff befriedigen, denn
selbst die Frage einer Schnittstelle zur Gesellschaft können wir beantworten:
Da wir auch Bewusstsein zum Erleben hinzurechnen, können wir es auf
Kommunikation bezogen weiterhin so halten wie Luhmann: Schnittstelle zur Kommunikation bleibt der hoch sprachbegabte, endogen
unruhige Pol des Bewusstseins. Daran wird sich also nichts ändern. Zu guter
Letzt garantiert die Annahme, unbewusstes wie bewusstes Erleben sei die Basisoperation
psychischer Systeme, weiterhin eine messerscharfe
Trennung von physischem und psychischem System. Oder, wenn man es so
ausdrücken möchte: Das Gehirn lebt und vollzieht entsprechend neben
Stoffwechselprozessen auch hochkomplexe neuronale Prozesse. Erleben setzt
hingegen zwar Stoffwechselprozesse und Nervenaktivitäten voraus; aber seine
Elemente sind nicht aus diesen gebildet, sondern bestehen aus einzelnen
Erlebnissen, die sich dem System als nicht-physiologische Prozesse
apräsentieren. Kurz gesagt: Die Phänomenologie
des Erlebens ist eine andere als die
des Gehirns. Man bedarf komplexer Translationsmechanismen und einer
generativen Grammatik, um Erlebnisse mit Gehirnsprozessen zu korrelieren. Das
hat auch Roth betont.
Meiner Ansicht nach macht der Begriff des
Unbewussten übrigens nur den
Systemtheoretikern so richtige
Probleme. Andere Ansätze haben diesbezüglich zwar traditionsbedingte, aber
weniger epistemologisch bedingte Probleme. Und die Hirnforschung kennt
überhaupt kein prinzipielles Problem, da niemand annehmen wird, dass allen Hirnprozessen ein bewusstes
Erlebnis korreliert. Sie findet es allzu erwartbar und natürlich, dass
Hirnprozesse ablaufen, denen nichts bewusst erlebtes entspricht. Sie fragt ja
viel eher umgekehrt: Wie kommt es zustande, dass bestimmten Hirnprozessen
bewusste Erlebnisse korrelieren? Wohlgemerkt: Es werden ja nicht die Hirnprozesse selbst bewusst, sondern
irgendwie und keiner weiß genau wie, Produkte von gänzlich anderer Qualität:
Erlebnisse eben. Das Erlebnis sagt aber nicht: »Dendrit 124f hat gerade mit Stärke 7 gefeuert« oder »Achtung: Hypothalamus schüttet Hormone in
Richtung der Hypophyse aus«. Ja, wir erfahren noch nicht einmal, dass der rechte PFC wegen eines Streits besonders
stark aktiviert wurde und wir riechen auch kein Dopamin. Und wir sehen auch nicht wie Arnold Schwarzenegger als
Terminator mit seinem Hirn auf ein Display, auf dem die von den Augen wie von
einer Kamera aufgezeichneten Dinge mitsamt Entfernungsangabe wiedergeben
werden, sondern wir schaun, wenn ich so sagen darf, mit unserer Kombination aus
Hirn, Augen und Nervenbahnen direkt in
die Welt. Ja, wir spüren unser
Gehirn nicht einmal wie unseren Fuß oder unsere Nase. Ich muss als Forscher daher den Probanden mindestens
schon einmal gefragt haben, was er in einem bestimmten Moment erlebt hat,
wenn ich von Hirnprozessen aufs Erleben rückschließen möchte. Und dem stimmt
sicher die Mehrzahl der Hirnforscher so weit zu, irritierender Weise aber sogar
die Reduktionisten unter ihnen. Dabei waren weder Mikroskope noch Scanner noch
überhaupt eine modernen Wissenschaft oder eine hohe Bildung des Einzelnen
notwendig, um diesem klar zu machen, dass er denken und wahrnehmen könne, dass
er Gefühle und Emotionen habe. Der qualitative
Sprung zwischen Erleben und Physiologie wird also von jedermann
zugestanden, aber dennoch glauben Reduktionisten, man könne das eine auf das
andere reduzieren. Aber das soll nicht unser Thema sein heute Abend.
Dem ungeachtet sollte klar geworden sein,
dass sich das Problem in der Gehirnforschung nur umgekehrt: Sie hat eher
Probleme mit dem Bewusstsein als dem Unbewussten, denn sie muss natürlich hier
und da versuchen, Korrelate
bewussten Erlebens zu finden. Sie muss fragen: Was passier im Gehirn, wenn wir
rechnen, etwas bewusst wahrnehmen? Was passiert, wenn wir träumen oder sexuell
erregt sind oder gar Angst haben? Und bei eben diesem Versuch, dies näher zu
bestimmen, fällt inzwischen zunehmend auf, dass es nicht nur Prozesse gibt, die
auf Bewusstsein schlicht nicht angewiesen sind (sogenannte »faktische Latenz«),
sondern dass es auch Prozesse zu geben scheint, bei denen man sich durchaus
wundern kann, warum sie unbewusst ablaufen oder zumindest in hohem Maße
unbewusst vorbereitet werden? (Ich werde in solchen Fällen von
»strukturfunktionaler Latenz« sprechen.)
Hinzu kommen zahlreiche Hinweise aus der
klinischen Forschung, teilweise kuriosester Art, wie das »alien hands syndrome (AHS)«, ein Phänomen der Lateralisierung, bei dem eine Hand (meistens die
linke) scheinbar ihr ganz eigenes Leben lebt, nach eigenen Vorstellungen zu
handeln scheint. Sie nimmt dem Nachbarn etwas vom Teller weg, ohne dass das
Bewusstsein von diesem Plan vor seiner Ausführung etwas erführe. Oder sie nimmt
ohne bewusste Entscheidung bzw. einen bewussten Willkürakt etwas wieder auf,
was die andere Hand auf Grund einer bewussten Entscheidung soeben weggelegt
hatte. Und dies alles führt sie
scheinbar sehr gezielt durch. Und dennoch scheinen die verwirrenden Aktionen
der »alien
hand« keiner bewussten Kontrolle zu unterliegen,
geschweige, dieselbe zu benötigen. Oder die Neglecte,
bei denen der Patient evtl. alles ausblendet, was sich z.B. auf seiner linken
Seite befindet. Und auch die Aphasie kennt viele Spielarten: Ein Patient kann verstehen,
aber selbst die passenden Worte nicht finden. Ein anderer kann dagegen nicht
einmal den Inhalt eines Gesprächs nicht verstehen… Und wie kann ein Mann,
dessen Corpus callosum durchtrennt
wurde und der mit dem Auge, das mit seiner sprachunfähigen Hirnseite verbunden
ist, wenn man ihm das Bild einer nackten Frau zeigt, sagen: »Schämen sie sich
Herr Doktor!« Und wenn man dann nachfragt, so weiß er nicht, wofür und warum
sich der Herr Doktor denn schämen sollte. Oder er erfindet schnell etwas, wobei
er dann der einzige bleibt, der seiner Erfindung traut. Alle andere schauen nur
verwundert zu.
Diese Orientierung an klinischen Befunden,
für die heute z.B. Ramachandran, Markowitsch, Solms & Solms, natürlich
Roth, Sacks und viele andere stehen, hatte Freud an Charcot bzw. an der
Französischen Schule bewundert. Anders als heute, waren zu seiner Zeit vor
allem die Deutsche und die Wiener Schule gänzlich auf Gehirnanatomie
konzentriert und für Fragen dieser Art kaum offen, so dass Patienten mit eher
seltsamen psychischen Erkrankungen regelmäßig als Simulanten diskriminiert
wurden. Freud jedenfalls hatte geklagt, dass die technischen Mittel seiner Zeit
weder ausreichten, um seinen Forscherdrang zu befriedigen noch Menschen zu
helfen. Er schreibt: »Ich bin nicht immer Psychotherapeut gewesen, sondern bin
bei Lokaldiagnosen und Elektroprognostik erzogen worden wie andere
Neuropathologen, und es berührt mich selbst noch eigentümlich, daß die
Krankengeschichten, die ich schreibe, wie
Novellen zu lesen sind, und daß sie sozusagen des ernsten Gepräges der
Wissenschaftlichkeit entbehren.« Ich stelle mir immer vor, wie er und Charcot
mit Harfen bewaffnet ganz neidisch von oben herab auf unsere Kernspins und
Computertomographen schaun und wie sie dabei von Leonardo Da Vinci genervt
werden, der immer wieder darauf hinweist, dass er ja damals schon eine Skizze solcher Geräte angefertigt habe.
Jedenfalls spielen heute die
unterschiedlichsten Scanverfahren vom PET übers EEG und CT bis zum Kernspin
sowohl experimentell als auch klinisch eine große Rolle, wenn es um Fragen
geht, wie: Wo bleibt hier das Bewusstsein? Warum tritt es so oft zurück? Wieso
funktioniert all das auch ohne Bewusstsein? Dies lag aber nicht im Fokus
Luhmanns, der psychische Systeme eingestandener maßen gerne etwas
stiefmütterlich behandelte.
Es liegt also in der Hand der
Systemtheoretiker, in Zukunft hier eine Wende einzuführen und nicht mehr
einseitig die Theorie psychischer Systeme an den Bedürfnissen des
systemtheoretischen Theoriedesigns auszurichten.
Für die Soziologie, die Kybernetik und die Biologie hatte Luhmann dies
übrigens stets unternommen. Überdies wird es zunehmend fraglich, ob man
Gebilden, wie dem Nervensystem bzw. dem Gehirn überhaupt gerecht wird, wenn man
sie ohne weitere Differenzierung dem Typus »lebender Systeme« zurechnet, so als
stünden sie auf einer Ebene mit
Einzellern oder einfachen Organismen. Das Nervensystem, so wie wir es heute
kennen, ist ein hyperkomplexes kybernetisches System, das nicht mit Hilfe von
Stoffwechselprozessen beschrieben werden kann, obwohl es ohne sie kein Gehirn
gäbe. Aber das Gehirn investiert
nach Schätzungen ca. 90-99% seiner
Ressourcen in eine Kybernetik, die nichts
mit seinem eigenen organischen Leben zu tun hat, während einfache Organismen schon aus ökonomischen
Gründen zwischen 75% und 99% ihrer
Ressourcen der Steuerung des Stoffwechsels sowie der Fortpflanzung zur
Verfügung stellen. (Leider muss ich hier aus dem Gedächtnis zitieren. Ich habe
die Quelle dieser Daten nie wiedergefunden.) Freud hat einmal gesagt, dass sich
das Hirn hinter die Schädelknochen zurückgezogen habe, um sicher gehen zu
können, dass sich in aller Regel seine Umweltkontakte auf die dürftigen Signale
seiner mit ihm verbundenen Sinnesorgane beschränkten, die nur (Kost)Proben aus
der Umwelt zu entnehmen hätten und »den Rest« seinen Berechnungen überlassen
sollten. Direktkontakte mag das Gehirn dagegen gar nicht, denn sie sind selten
informativ, eher gefährlich, etwa als Hammerschläge auf den Kopf. »Kostproben
der Umwelt« zusammen mit einer blitzschnellen »Prozessorleistung« sind da weit
harmloser. Dass das tatsächlich so ist, können wir schon daran ersehen, dass
unser Hirn gut und gerne auch die Sinnesproben der Umwelt zu reduzieren weiß.
Selbst eine alltägliche, schnelle, aber harmlose Drehung unseres Kopfes führt
zur temporären Unterbrechung der Sinneswahrnehmung: Das Hirn wartet, bist die
Drehung des Kopfes beendet ist - und »schaltet« dann alles
flugs wieder ein.
Weil passend an dieser Stelle möchte ich
darauf hinweisen, dass es nicht nur aus Richtung der Hirnforschung, sondern
auch der AI (artificial intelligence) interessante Hinweise
darauf gibt, dass die Kybernetik des Gehirns letztlich immer eine Kybernetik des ganzen Körpers ist. Nicht nur, weil
der ganze Körper im Gehirn »abgebildet« ist, sondern auch, weil einzelne Areale
desselben völlig neue Funktionen übernehmen können, wenn schwere körperliche
Veränderungen stattfinden, also etwa Amputationen. Da lässt sich dann schon mal
die fehlende Hand neurologisch auf der Wange wiederfinden. Die Systemtheorie wird also sicherlich in Zukunft, statt Gehirne mit
Einzellern »in einen Topf zu werfen«, physische Systeme feiner unterscheiden
müssen.
Wir halten fest: Aus Sicht der Forschung und
der Therapie wird ein Begriff des Unbewussten immer unumgänglicher. Es scheint
außer Zweifel zu stehen, dass es psychische wie neurophysiologische Operationen
gibt, die in vielerlei Hinsicht den bewussten ähneln, zu denen aber dennoch
keine bewussten Korrelate gefunden werden können. Und dennoch wird zumindest
die Psychologie nicht umhin kommen, diese als Operationen eines psychischen Systems zu beschreiben. Wir
suchen also nach der positiven Bestimmung eines Begriffs, der psychische
Prozesse zu beschreiben in der Lage ist, denen reale, aber unbewusst ablaufende
Operationen entsprechen, die durchaus mit Wahrnehmen, Fühlen und Denken zu tun
haben. Viele komplexe, unbewusste psychische Operationen sind vollwertig im
Sinne des Bewusstseins und finden zweifellos statt. Nicht nur im Bereich
reflexartiger Steuerung oder einfacher kybernetischer Prozesse, wie man sie bei
Würmern oder Zecken vermutet. AHS und andere Studien belegen sogar eindeutig,
dass diese unbewusstem Prozesse Sinn verwenden,
ganz so, wie bewusste sprachliche Prozesse dies tun. Das wird auch deutlich in
Überlegungen von Forschern wie Collin Allen, Marc Bekoff, José Luis Bermudez,
Fred Dretske, Ruth Garrett Millikam oder Achim Stephan, die Untersuchungen an
höheren Tieren, Kleinkindern und Babys analysiert haben, die zumindest nicht
über ein sprachliches Bewusstsein verfügen.
Immerhin scheinen wir nun endlich einen Punkt
erreicht zu haben, an dem eine Definition durchschimmert: Als unbewusst sollten wir nur dasjenige
bezeichnen, das aus besonderen Gründen nicht
ohne weiteres bewusst wird bzw. werden kann und das sich ansonsten nicht
zwangsläufig von bewussten Operationen unterscheiden muss, obwohl es dies kann.
Schauen wir etwa beim »alten Freud«, aber auch bei Solms & Solms, Hans
Markowitsch oder Jaak Panksepp nach, so lassen sich offensichtlich
Sachverhalte, bei denen entweder faktisch
eine Bewusstwerdung unmöglich ist oder die keiner Bewusstwerdung bedürfen von denjenigen unterscheiden, bei
denen eine Bewusstwerdung gezielt verhindert wurde, um die jeweiligen
Operationen überhaupt durchführen zu können. Oft genug finden diese auch statt,
um das psychische System vor Schaden zu
bewahren.
Unter faktische
Latenz fallen etwa Sachverhalte, wie das aktive Scannen nach möglichen Gefahren,
das auf Gehirnebene vor allem die Amygdala leistet. Aber auch Vorgänge, die zur
Bewusstwerdung ungeeignet sind, weil sie die Produktion von Einfällen
vorbereiten (dazu folgt später mehr) oder weil sie zu tief auf affektiver Ebene
angesiedelt sind und damit zu schnell und zu unspezifiziert für bewusste
Wahrnehmung verarbeitet werden. Freud nannte sie die Primärprozesse und diese
decken u.a. das mit ab, was man heute »priming« nennt.
Im Fall strukturfunktionaler
Latenz geht es dagegen um eine gezielte,
funktionelle Verhinderung von Bewusstheit und Erinnerung. Freud hatte
Kriegstraumata und ‑neurosen untersucht und Hans Markowitsch unersucht
heute noch aus neurophysiologischer Sicht die bei Kriegsveteranen auftretenden
Amnesien. Mit verblüffend nah beieinander liegenden Ergebnissen, wie letzterer
selbst betont hat!
Der Begriff des Unbewussten lässt sich also
innerhalb der Forschung und Therapie auf zwei Sinnführungen reduzieren: Faktische Latenz und strukturfunktionale Latenz. Letztere
zielt auf jene von Freud, aber eben auch auf neuesten Forschungen
zurückgehenden Mechanismen des Selbstschutzes der Psyche, in der diese
versucht, ihre Strukturen durch eine funktionale Anpassung des Erinnerns und
Erlebens zu schützen. Wie derartige Prozesse ablaufen, das lässt sich
inzwischen teilweise sogar mit Gehirnscans sichtbar machen. Aber wie dem auch
sei: Freude hat mit seiner Entdeckung strukturfunktionaler Latenz eine Theorie
geschaffen, die man sicher auch als psychologische Immunologie beschreiben
kann.
Man muss hier Freud nicht folgen und das
erwarte ich auch gar nicht von Ihnen. Es soll hier nicht darum gehen, ob Freud
Recht hatte. Aber wir können, so glaube ich, seinem Vorgehen im Bezug auf
Bewusstsein und Unbewusstes viele nützliche Hinweise entnehmen. Allerdings
denke ich, wenn man nicht zumindest einigen
der hier genannten, grundsätzlichen Erwägungen folgt, so wird man kaum
jemals mehr als einen recht trivialen, traurigen Begriff des Unbewussten
erhalten können.
Ich hoffe aber auch, dass erkennbar wurde, dass
Luhmann vorschnell und ohne eine ausreichende Berücksichtigung der Forschung
bzw. der therapeutischen Praxis urteilte, als er das Unbewusste zu einer
Un-heit erklärte. Der Begriff des Unbewussten zielt keinesfalls auf eine
einfache logische Negation des Bewusstseins. »Un-bewusst« ist nicht nur bei Freud keineswegs identisch mit
»nicht-bewusst«. Unbewusst nennen
wir nicht etwas, das gar nicht stattfindet.
Heute ist es
reizvoller denn je, sich mit Emotionen zu beschäftigen, denn die Emotionsforschung
hat viel an Boden gewonnen und die Psyche wird seit langem immer seltner rein
kognitiv betrachtet. Umso erstaunlicher, dass einige Nachfolger Luhmanns daran
festhalten, Emotionen dienten nur der Überbrückung bei der Bildung von Gedanken
bzw. der Aufrechterhaltung eines gefährdeten, gestörten oder unterbrochenen
Bewusstseinsstroms. Für ihn und einige andere Systemtheoretiker sind Gefühle
also reine Pufferphänomene.
In der
Emotionsforschung wie bei Freud stehen Emotionen dagegen eher zentral als unverzichtbare
Antriebe. Ich möchte es hier wagen, die Bedeutung der Affekte und Emotionen an
einem sehr trivialen Bild zu exemplifizieren, dem »Pille-Spock-Dilemma«, Sie
wissen, die beiden befreundeten Kontrahenten aus Raumschiff Enterprise.
Während der
Schiffsarzt »Pille« es nicht für möglich hält, gefühllos, ohne Wünsche und Ängste,
zu komplexem Denken und Entscheiden in der Lage zu sein, vertritt der angeblich
ohne Gefühle lebende Vulkanier Spock die stoische These, Gefühle führten bloß
zu Täuschungen, Aggressionen, Realitätsverzerrungen und Fehlverhalten. Das »Pille-Spock-Dilemma« besteht also im
Kern darin, dass man von Affekten,
Wünschen und Lüsten getrieben niemals »zur Vernunft kommen« wird – ohne sie
aber antriebslos und ohne Entscheidungskraft verharren muss. Folgen wir
einem typischen Dialog der beiden aus der Folge »Brot und Spiele«: Pille:
»Wütend, Mister Spock? Ein bisschen frustriert, hmm?« Spock: »Derartige
Emotionen sind mir fremd, Doktor. Ich habe lediglich die Stärke der Eisenstäbe
geprüft.« Pille: »Hm, zum fünfundzwanzigsten Mal ...?«
»Angst haben vor«, »Lust haben auf«, »wissen wollen,
warum« erst initiieren, modifizieren und stabilisieren Gedankenbildungen.
Gefühle kommen nicht einfach begleitend hinzu. Freud trug dem Rechnung, indem
er dieses Spiel von Kräften in einem dynamischen und einem ökonomischen Modell
beschrieb. Entsprechend operiert die Psyche, wenn sie operiert, indem sie
bewertet, auswählt und entscheidet. Und das kann sie nicht aus »reiner
Einsicht« heraus. Denn warum sollte die Psyche über etwas nachdenken, wenn
nicht, weil sie Unlust vermeiden oder Lust befördern will? Wie sollte sie
Präferenzen setzen, wenn nicht nach dem gleichen dynamischen Prinzip?
Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Denkprozesse werden unübersehbar von Wünschen/Ängsten
veranlasst, vorangetrieben oder unterbrochen – Vorgänge, die regelmäßig nicht
»im« Bewusstsein stattfinden und von diesem auch nicht registriert werden.
Freud hat dieses direkt zu einer Theorie des Unbewussten führende dynamische Prinzip lediglich
generalisiert und in eben diesem Sinne die
Kybernetik der Psyche renormalisiert und in großen Teilen als Immunologie
neu begründet. Von Renormalisierung können
wir insofern sprechen, als Freud einen Großteil von Auffälligkeiten, etwa die
Absurditäten der Träume oder die Fehlleistungen statt sie auf Störungen
zurückzuführen, auf ganz normale Vorgänge reduzieren konnte. Der Prozess, der
zum Versprecher führt, ist ein Prozess, der eigentlich immer abläuft, wenn er
sich auch nicht immer in Psychopathologien des Alltagslebens kundtut. Weit
bedeutender mag es aber sein, dass es ihm auf diese Weise sogar gelang, einen
Teil der klinischen Psychopathologie
als »normale Steuerungsprozesse« aufzuweisen, indem er sie als Immunreaktionen
(Freud sprach von »Abwehrprozessen«) beschrieb. Dabei sah er sich nicht einmal
gezwungen, physiologische Hilfsannahmen
hinzunehmen. Kurzum, er sah einen großen Teil pathologischer Symptomatiken
nicht durch irgendwelche »Verursacher«, sondern aus der alltäglichen Arbeit der
Abwehr hervorgehen, ähnlich der
heutigen Medizin, die ja z.B. Symptome von Infekten nicht auf eine
Direktwirkung der Erreger, sondern auf Immunreaktionen zurückführt. Renormalisierung zielt also auf den Umstand,
dass es Freud gelungen war, Symptome (beinahe) aller Art, statt sie mit Defekten (also einem Versagen) zu erklären, auf gänzlich
normale, sozusagen fehlerfrei ablaufende
und zum Systemerhalt sogar notwendige Prozesse zu reduzieren. Auch
Schnupfen ist kein Defekt (so unangenehm er sein mag) - sondern Teil einer korrekt operierenden Infektionsabwehr.
Aus heutiger
Sicht besonders faszinierend ist, dass auch neuere, nicht psychoanalytische
Forschungen bestätigen, dass diese dynamischen, auf Gefühlen (Lust/Unlust)
beruhenden Prinzipien schon für Willkürhandlungen gelten (etwa bei Roth).
Einige Symptome bestimmter Läsionen des Stirnlappens und der Amygdala stoßen
uns förmlich auf das »Pille-Spock-Dilemma«: So stellte es sich heraus, dass
»die Patienten nicht nur gefühllos wurden. Vielmehr begannen sie, sich in Hinblick
auf sich selbst und auf ihre soziale Umwelt in unvernünftiger Weise zu verhalten,
zum Beispiel bekannte Gefahren nicht mehr zu meiden, hohe Risiken einzugehen,
sich rücksichtslos zu betragen und ganz allgemein unfähig zu sein, aus den Konsequenzen
des eigenen Verhaltens zu lernen.« (Roth) Entscheidend aber ist, dass diesen
Patienten mit der Abschwächung ihrer Emotionen nicht zugleich ihre kognitiven
Fähigkeiten abhanden gekommen waren: »Diesen Personen fehlte also nicht die Einsicht, sondern das Vermögen, diese
Einsicht in die Tat umzusetzen.«
(Roth) Kognitive Erklärungen müssen hier
also scheitern. So war »bis vor kurzem in der Psychologie eine starke
Betonung des Kognitiven gegenüber dem Emotionalen und Volitionalen (dem Willensmäßigen) zu finden; eine
substantielle Weiterentwicklung der Willenspsychologie findet erst seit kurzem
statt, und zwar zeitgleich mit dem wachsenden Interesse der Hirnforschung für
die neuronalen Grundlagen des Emotionalen und der Handlungssteuerung.« (Roth)
Unerwartet, aber
unübersehbar und explizit nähert sich damit die Verhaltens- bzw.
Neurophysiologie ganz generell der Freudschen Sichtweise an. Unter dem
Stichwort »Hatte Freud Recht?« fordert Gerhard Roth daher ausdrücklich zum
Gespräch zwischen Psychoanalyse und Gehirnforschung auf: »Wir können wünschen,
was wir wollen. Aber nicht jeder Wunsch führt zur Tat. Das Unbewusste hat das
letzte Wort.« (Roth)
Emotionen und
Affekte lösen regelmäßig tendenziöse
Prozesse aus, also Prozesse, bei denen z.B. der »Wunsch Vater des
Gedankens« ist oder in denen kognitive Dissonanzen wegrationalisiert werden. Nietzsche hat diese Dinge einmal so
ausgedrückt, dass wir unseren Trieben folgen und den Verstand dabei überreden
müssen, mit guten Gründen nachzuhelfen. Dergleichen wird besonders gut
sichtbar, wenn wir etwa Lateralisierungseffekte betrachten, bei denen die
Probanden selten um eine passende Antwort verlegen sind. Oder mit Blick auf
experimentell frustrierte Kandidaten, die sich in ihrer überwiegenden Zahl
nichtsahnend im Anschluss an das frustrierende Erlebnis alles schönreden. Oder
die posthypnotischen Effekte, wie Freud sie untersucht hat, bei denen der
Patient in Hypnose einen völlig unsinnigen Befehl zur Ausführung nach dem
Erwachen erhält. Auch diese Patienten reagierten auf Nachfrage niemals
verlegen, sondern konnten spontan furchtbar wichtige Begründungen für völlig
unsinnige Handlungen liefern. Spätestens aber, wenn die Auflösung von
Dissonanzen einmal nicht gelingt, lassen sich verstärkt aufkommende, negative Emotionen
beobachten. Manchmal treten sie sogar auf, bis das Bewusstsein endlich seine
Möglichkeit des Schönredens gefunden hat. Man kann also davon ausgehen, dass
diese famose Fähigkeit zur Regulierung kognitiver Dissonanzen zentral durch Emotionen getriggert wird.
Emotionen sind also keine Platzhalter im Leerlauf des Systems; sie puffern das
System nicht im Falle der Ereignislosigkeit ab: Emotionen bilden die treibende
Kraft, im Falle der Unlust wie im Falle der Lust.
Freud hatte dem
in seiner Trieblehre Rechnung getragen und nahm an, dass es immer Affekte und
Emotionen seien, die uns »antreiben« und gewissermaßen den Weg weisen. Um sich
nicht auf Trieb, Affekt und Emotion festlegen zu müssen und weil es auf jeden
Fall um irgendeine Art von »Antrieb« ging, hat er auch gerne von »Energie«, an
vielen Stelle auch von der »Libido« gesprochen. Und er hat sich gefragt, wer
dieses clevere Etwas sein könne, das so schnell für unsinnige Dinge kluge
Erklärungen erfinden könne? Dabei stand von Anfang an eines fest: Bewusst können Rationalisierungen nicht
erzeugt werden, denn dann würden sie nicht funktionieren. Niemand wird von
seinem Bewusstsein darüber informiert, dass soeben irgendwo »in seinem Hirn« an
einer aberwitzigen Erklärung gebastelt wird. Wir sollen ja drauf reinfallen.
Das ist Sinn und Zweck der Rationalisierung. Daher finden wir auch hier Emotion und Unbewusstes engstens
miteinander verknüpft. Die Rationalisierung benötigt Latenzschutz, um funktionieren zu können und sie kommt, wenn sie
gut funktioniert, negativen Emotionen zuvor. Genauer: Negativen bewussten Emotionen! Unschwer zu
erkennen ein klarer Fall von strukturfunktionaler
Latenz.
Freud nannte
diesen »cleveren Kandidaten« das »Ich«. Das Ich verfügt daher laut Freud über
die Möglichkeit des bewussten Erlebens und über ein großes Potential an Logik
und Sprachfähigkeit. Und: Es nimmt das, was wir Realität nennen, sehr ernst,
versucht ihr, anders als unsere Gefühle, Affekte und moralischen Instanzen,
möglichst gerecht zu werden. Spannend am Ich ist allerdings etwas, was
seltsamer Weise auch heute noch meistens übersehen wird: Das Ich operiert laut Freud überwiegend unbewusst. Das Ich ist nicht das Bewusstsein. Das begründet
die weitreichende Wende, die Freud mit seinem Werk »Das Ich und das Es«
vollzog. Denn in der Tat hatte er ja vorher angenommen, die Systeme seien
dadurch unterschieden, dass sie entweder bewusst, vorbewusst oder unbewusst
operierten. Aber dass dies niemals so sein könne, wusste er seit mehr als zehn
Jahren, fand aber erst Anfang der 20er Jahre eine zufriedenstellende
Alternative, die als die »zweite Metapsychologie Freuds« bekannt wurde und die
regelmäßig in einem Mix aus alter und neuer Theorie verbreitet wird, obwohl
beide Ansätze auch nach Freuds eigener Auffassung über weite Strecken völlig
unvereinbar sind. Dieses Ich verfügt
also über erstaunliche Fähigkeiten, die es auch unbewusst in Betrieb setzen kann. Aber es ist trotzdem – ich
bedaure – keineswegs Herr in seinem eigenen Haus. Es wird bedrängt von Gefühlen
und Trieben (die Freud dem Es zuordnet) auf der einen und von
Über-Ich-Forderungen auf der anderen Seite. Also von einem sozusagen
barbarischen Wollen auf der einen und einem kultivierten »Tu das nicht!« auf
der anderen Seite. Es und Über-Ich sind extrem lernunwillig, verfügen also über ein nur geringes kognitives
Potential. Oder um es anders zu sagen: Das
Über-Ich lernt am liebsten anhand von Katastrophen. Es ist also
trauma-orientiert. Kein Wunder: Freud beschrieb es als zentralen Teil des
psychischen Immunsystems. Wie die Merkerzellen des biologischen Immunsystems
Feinde von einstmals zuverlässig wiederkennen, so scant das Über-Ich sämtliche
Erlebnisse auf von früheren Erlebnissen her als traumanah eingestufte Muster, teilweise abgeschwächt in Richtung
auf Moral.
Für uns im Zusammenhang
mit Emotion zunächst interessanter ist also das Es, das Freud als Emotions- und
Affektpol ansah. Auch das Ich muss vom Es seine Energien beziehen. Es muss
daher seinen Realitätsbezug als wünschenswert, mindestens aber als
unlustersparend an seinen Gegenspieler »verkaufen«. Wenn man so will, macht das
Es dem Ich Arbeit in Hülle und Fülle und das Ich bedankt sich, idem es beim Es
den für seine Arbeit notwendigen »Treibstoff« bezieht.
Es gibt also
eine energetische Notwendigkeit, das psychische System mit Lust und Unlust zu
versorgen. Da hat der Schiffsarzt Pille wohl Recht. Weil Emotionen aber eine so geringe
Lernempfindlichkeit zeigen, können wir alle sicher auch Spock gut
verstehen. Und aus dem gleichen Grund nehmen sich Emotionen und Affekte für
Kognitivisten manchmal etwas sperrig aus. Aber wie hoch ihre Bedeutung für
unbewusstes Erleben, für unbewusste Hirnprozesse, für den Alltag ebenso wie für
die Symptombildung des Patienten ist, lassen neuere Forschungen zu Emotionalem
und Volitionalem täglich deutlicher werden. Auch Jaak Panksepp schließt hier oft auffallend mühelos an Freud an.
So kommt es,
dass wir auch am Fall der Emotionen drei wesentliche Thesen meines Vortrags
bestätigt finden: die Notwendigkeit der Annahme unbewusst ablaufender realer
Prozesse, das Erfordernis, strukturfunktionale von faktischer Latenz zu
unterscheiden und zugleich Hinweise darauf, dass ein rein kognitivistisches Verständnis der Psyche nicht ausreichen kann. Kognition bildet gewiss eine Bedingungen der Möglichkeit psychischen Operierens. Natürlich
wäre die Psyche ohne Kognition nicht in der Lage, alle bekannten, hochkomplexen
Operationen durchzuführen, die sie durchführt. Aber umgekehrt würde eine noch
so weitgehende Einsicht in das Zustandekommen von Kognition niemals
verständlich werden lassen, warum jeweils so erlebt wurde und nicht anders.
Scheinbar
unberührt von diesen Ergebnissen der Emotionsforschung, aber auch diverser
klinischer und therapeutischer Beobachtungen hält aber die überwiegende Zahl
der an Luhmann orientierten Systemtheoretiker daran fest, das Emotionen nur der
Überbrückung von Störungen bei der Bildung von Gedanken bzw. der
Aufrechterhaltung eines gefährdeten Bewusstseinsstroms dienen. Sie bilden also
lediglich Pufferphänomene, eine Art
»idle caching«, wie der
Leerlauf eines PKWs, nur dazu da, dass der Motor nicht ausgeht. Wie ich
versucht habe darzulegen, würde aber längst nicht mehr nur Freud, sondern ein
bedeutender Teil der Emotionsforschung und im Anschluss an diese viele weitere
Psychologen und Neurobiologen, z.B. Gerhard Roth, diesem »Leerlaufmodell« sicher nicht viel abgewinnen können. Viel eher sind Gefühle und Affekte ganz im
Gegenteil so etwas wie der Motor der Psyche. Sie »geben Gas«, wenn Gedanken
nur vor sich hinplätschern. Die Emotionslage ist es aber auch, die es in
bestimmten Momente den Gedanken überhaupt erst ermöglicht, klar und
strukturiert vor sich hinzuplätschern.
Wenn aber Gefahr
im Verzug ist oder Trauer und Angst, vielleicht aber auch nur hohe sexuelle
Erregung im Spiel ist, steht es schlecht ums klare Denken. In umgekehrter
Richtung, also wenn wir versuchen, gedanklich auf unsere Emotionen einzuwirken,
funktionieren Gedanken dagegen bekanntlich weit weniger effektiv. Am Tag vor
meiner Anreise wurde meiner Schwiegermutter ihr Portemonnaie gestohlen mit
einer beträchtlichen Summe Geld darin. Sie berichtet am Morgen, das sie kaum
geschlafen habe und immer darüber habe nachdenken müssen, obwohl sie sich fortwährend gesagt habe: »Weg ist weg!«
Auffallend, wenn auch uns allen vertraut ist die Bemerkung, sie habe
fortwährend darüber nachdenken müssen,
ob sie wollte oder nicht. Die Gedanken, die die Unsinnigkeit des ständigen
Nachdenkens erkannt hatten, hatten kaum Einfluss. Schon diese alltägliche
Geschichte sollte Zweifel wecken an der systemtheoretischen Vorstellung, in der
Autopoiesis des psychischen Systems hätten Emotionen nur Pufferfunktionen. Ganz
im Gegenteil scheinen sie maßgeblich an der manchmal sogar zwanghaft wirkende
Produktion von Gedanken beteiligt zu sein. Es
denkt in mir, hätte Nietzsche gesagt.
Und auch hier
kommt uns die Gehirnforschung bestätigend entgegen: So ist der Zusammenhang von
Parkinson und Dopamin inzwischen bekannt, und spätesten, wenn die Dopaminbahn
geschädigt ist, die für die Motivation zuständig ist, kommt es zu gravierenden
Veränderungen auch des Denkens bzw. der Gedanken: Mit dem Nachlassen affektiv
bzw. emotionaler getriggerter Motivation, verlangsamt sich das Denken ganz
enorm und sogar die Aufmerksamkeit lässt nach. Das führt in der Folge nicht nur
zur Verlangsamung von Handlungen, sondern – und hier wird’s spannenden – zu
einer völlig veränderten Zeitwahrnehmung.
Oliver Sacks berichtet über einen Mann, der zwanzig Minuten brauchte, um sich
die Nase zu putzen. Der Patient aber erlebte diesen Zeitraum als völlig normal
und wunderte sich nur bei einem Blick auf die Uhr, dass diese nun schneller
lief als früher. (Ich danke Arvid Leyh, der mich auf diesen Fall aufmerksam
gemacht hat und dessen Podcast ich hiermit gerne empfehle http://www.nurindeinemkopf.de/podcast.html.)
Wir sind also
weitergekommen, aber eine sehr wichtige Frage haben wir bisher nur
angeschnitten. Nämlich die: Wie ein
Unbewusstes überhaupt beobachtet werden kann? Bei unserer Suche nach einer
Antwort wird sich etwas Erstaunliches ergeben, nämlich, dass es sich aus
epistemologischer Sicht genauso beobachten lässt, wie das Bewusstsein! Das mag
zunächst verwirrend klingen. Meine Ansicht beruht aber letztlich schlicht auf
der These, dass die Beobachtbarkeit des Bewusstseins weit diffiziler ist, als
sie uns im Alltag erscheint. Ich möchte hier nur das Stichwort »Behaviorismus«
geben. Ich vertrete keinen Behaviorismus, aber ich denke, ein Skinner hatte
durchaus Recht mit der Feststellung, dass so etwas wie ein Bewusstsein ein
wissenschaftlich problematischer Gegenstand ist. Auch Freud, der das
Bewusstsein für eine unverzichtbar
Tatsache hielt, gestand dennoch, dass es ein Phänomen sei, das rätselhafter
wird, je genauer man es sich anschaut. Daher sprach er davon, dass das
Bewusstsein ein psychologisch zwar schwerlich erklärbares, aber dennoch nicht
zu leugnendes Phänomen bzw. eine geradezu »unvergleichliche, jeder Erklärung
und Beschreibung trotzende Tatsache [...]. Spricht man von Bewusstsein, so weiß
man trotzdem unmittelbar aus eigenster
Erfahrung, was damit gemeint ist.« Hier treffen sich also Skinner und
Freud, denn gerade die Möglichkeit, »unmittelbare, eigene Erfahrung« zur
Grundlage einer wissenschaftlichen
Psychologie zu erheben, hatten Skinner, aber auch Carnap völlig zu Recht
für fragwürdig erachtet.
Vielleicht
erahnen Sie nun, warum ich der Meinung bin, dass das Bewusstsein bei näherem
Hinsehen kein Privileg als Beobachter oder auf die eigene Beobachtbarkeit
erheben kann.
Das Bewusstsein
ist noch nicht einmal sich selbst transparent. Wenn ich bewusst sage: »Das hast
du diesmal sehr gut gemacht.«, so
werde ich vielleicht unmittelbar wissen, dass ich diesen Satz sage bzw. gesagt
habe. Aber weiß ich auch, dass das
kleine Wörtchen »diesmal« einen sehr boshaften Beiklang hatte, der wahrscheinlich nicht zufällig
entstanden sein wird? Manchmal passiert es, dass alle Anwesenden bis auf
den Sprecher selbst, diese Boshaftigkeit herausgehört haben. Belassen wir es
dabei und halten wir nur fest, dass Transparenz offensichtlich nicht sehr weit
geht und das – wenn ich so sagen darf – ein »redendes Bewusstsein« kein
Privileg auf die einzig richtige Interpretation seiner sinnhaften Äußerungen
hat.
Umso interessanter,
zu sehen, dass weniger aus philosophischer Richtung am Horizont auch ganz
engengesetzte Auffassungen auftraten. Auffassungen, die mit guten Argumenten
genau diese Zugänglichkeit für wissenschaftlich fragwürdig erachteten. Etwa personifiziert in Skinner, dessen
Behaviorismus ja gerade die wissenschaftliche
Beobachtbarkeit des Bewusstseins bestritt. Interessanter Weise musste er
als Argument nur die Zielrichtung des Transparentsargumentes umkehren: Wenn es
so etwas wie ein für sich selbst transparentes
Bewusstsein gebe, so sei es nicht möglich, diese rein nach innen
funktionierende Transparenz ohne die Fähigkeit zum Gedankenlesen
wissenschaftlich, objektiv auszuwerten. Jedes Bewusstsein sei a definitione in
sich geschlossen und für die äußere Wahrnehmung unzugänglich und also
intransparent. Transparenz nach innen,
Intransparenz nach außen. Und selbst Husserlschüler wie der
Naturwissenschaftler Carnap folgten einem ähnlichen Gedanken und gingen dazu
über, wissenschaftlich nicht mehr die bewussten Erlebnisse selbst zu Grunde zu
legen, sondern nur noch schriftlich niedergelegte Erlebnisprotokolle. Nicht,
was Wissenschaftler erlebten sei relevant, sondern nur deren äußerlich
beobachtbare Kundgabe in Form von Sätzen, führte er aus. Erwähnen wollen wir
auch, dass die Verhaltenstherapie sowie die kognitiven Psychologien in ihren
Beobachtungen und Therapien im Kern immer noch, nur jetzt sehr viel schwerer zu
entziffern, an diesen Argumenten Skinners und Carnaps ansetzen. Der Unterschied
besteht nur darin, dass sie den Rückschluss
von äußerem Verhalten auf ein Bewusstsein inzwischen zulassen, ja, für
unumgänglich halten und nicht mehr für reine Spekulation.
Wir sind näher
am Ziel als es vielleicht scheinen mag. Denn an diesen Metamorphosen eines wissenschaftlichen Zugriffs auf das
Phänomen Bewusstsein können wir ersehen, dass für das Bewusstsein
beobachtungslogisch offenbar das gleiche gilt wie für das Unbewusste: Bewusstsein ist
wissenschaftlich-kommunikativ keiner direkten Beobachtung zugänglich. Aber:
Es kann logisch erschlossen werden. Oder anders gesagt: Bewusstsein wie Unbewusstes werden durch logische Ableitung erschlossen
und sind daher beobachtungslogisch gleichwertig. Sie können beide nicht
direkt beobachtet, sondern nur erschlossen werden. Sie dienen der Erklärung
anders schwerlich oder gar nicht zu erklärender Phänomene. Ganz so, wie die
Physik schwarze Löscher niemals
direkt, sondern nur an ihren Wirkungen auf ihr Umfeld erschließen kann. Gute
Hypothesen sind vielleicht einfach daran erkennbar, dass sie sich ebenso
elegant wie ökonomisch in ein Phänomenfeld einfügen und dabei Erklärungslücken
schließen.
Das hatte schon
Freud so gesehen. Er hatte nicht nur bemerkt, dass das Bewusstsein Lücken
lässt. Ihm war auch klar geworden, dass man diese nur auf zwei Weisen schließen
könne: Entweder man erklärt alles, was nicht bewusst wird, zu einem rein
physiologischen Vorgang – damit hätte man es aber von der Behandlung durch eine
genuine Psychologie ausgeschlossen. Oder man nimmt an, es gebe auch unbewusste
psychische Prozesse. Dann lassen sich die Lücken schließen, aber dann darf man
die Psyche nicht mehr mit dem Bewusstsein gleichsetzen. Er führt aus, das:
»allgemeine Ungenügen an der gebräuchlichen Auffassung des Psychischen hat zur
Folge gehabt, dass ein Begriff des Unbewußten immer dringlicher Aufnahme ins
psychologische Denken verlangte [...]. Nun scheint es sich in dieser
Differenz zwischen der Psychoanalyse und der Philosophie nur um eine
gleichgültige Frage der Definition zu handeln, ob man den Namen des Psychischen
der einen oder anderen Reihe verleihen soll. In Wirklichkeit ist dieser Schritt
höchst bedeutungsvoll geworden.«
Beinahe 100
Jahre nach diesen Aussagen, steht die Systemtheorie wieder vor genau der von
Freud geschilderten Situation. Und ich wäre sehr zufrieden, wenn ich heute
einen Beitrag dazu geleistet haben sollte, die Systemtheorie zu ermutigen, sich
gegenüber den faszinierenden Ergebnissen neuerer Forschungen und Therapien
stärker als bisher zu öffnen.
Ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Aufmerksamkeit!
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Hier endet der tatsächliche gehaltene Teil des
Vortrags. Es folgt eine Erweiterung, die das Thema theoretisch vertieft.
Es ist an dieser
Stelle angebracht, uns nun etwas genauer die
Gründe vor Augen zu führen, aus denen Luhmanns »blinder Fleck« entstanden sein
könnte. Im Kern kann man vielleicht sagen, gab es drei Gründe, die für Luhmann ausschlaggebend waren..
1. Luhmann hatte
psychische Systeme mit Bewusstsein gleichgesetzt, weil sich das schlicht aus
der Übernahme von Husserls phänomenologisch-bewusstseinsphilosophischem Konzept
ergab. Husserl Ansatz harmoniert in der Tat über weite Strecken ausgezeichnet
mit Luhmanns Systemtheorie.
2. Als Soziologe
ergab sich für ihn kein genuines Interesse an einer Theorie psychischer
Systeme, weshalb er es unterlassen hat zu prüfen, inwieweit sich sein Modell
mit Bezug an die aktuelle Forschung der Fachdisziplinen bewährt.
3. Seine Kritik
am Unbewussten speist sich vornehmlich aus der Bezugnahme auf ein
simplifiziertes Modell des psychoanalytischen Therapiesettings. Freuds Theorie
und Metapsychologie fanden dagegen keine ernst zu nehmende Beachtung.
Seiner eigenen
Auskunft folgend ergab sich sein einziger Bezug zur Theorie psychischer Systeme
aus dem Diktum: »Keine Theorie des Sozialen ohne eine Theorie psychische
Systeme.« Ich fürchte, das kann man getrost als Hinweis auf eine eher »notgedrungene«
Beschäftigung mit diesem Thema interpretieren. Und das würde auch erklären,
warum Luhmann das Geschehen innerhalb der Fachdisziplinen entgangen zu sein
scheint. Zu seinen Wünschen, sein Modell
nicht unnötig zu gefährden, gesellte sich also eine auffällige Unterschätzung
der Situation. Das gilt letztlich sogar hinsichtlich seiner Vorstellungen
von Psychoanalyse.
Luhmann nahm an,
ein sogenanntes 'Unbewusstes' werde vom Psychoanalytiker nur konstruiert und
mit der Annahme einer Funktion versehen, um ihm als dem Beobachter eines
Beobachters (also: des Patienten) aus der Misere herauszuhelfen, dass seine
Erklärungen, wenn sie nur auf der
Selbstbeobachtung des Bewusstseins des Patienten basieren, in Paradoxien
führen und schließlich versagen. Luhmann hat das Unbewusste folglich begriffen
als ein therapeutisches Artefakt,
das vor allem dadurch entsteht, dass der Therapeut versucht, die Intransparenz
die zwischen dem Bewusstsein des Patienten, seinen Erinnerungen und dem
Bewusstsein des Therapeuten zwangsläufig entsteht, mit einer Hilfskonstruktion
auszufüllen. Weil dieser artifiziellen »Füllung« aber keine Relata im
Bewusstsein entsprechen, unterstelle man aus blanker Not heraus ein
Unbewusstes.
Luhmann übersah,
dass eine Notsituation nur für den besteht, den Gründe dazu zwingen, Psyche mit
Bewusstsein gleichzusetzen. Das aber tun heute die wenigsten Forscher und
Therapeuten. Natürlich behält Luhmann damit Recht, dass wir auf Unbewusstes zu
einen großen Teil nur aus Auffälligkeiten und Lücken zurückschließen. Kein Patient sagt: »Ich habe mir gerade unbewusst
vorgestellt, ich wäre in New York«. Es wird auch niemand sagen: »Ich bin gerade
unbewusst damit beschäftigt, etwas zu verdrängen.« Aber, wenn man über ein
entsprechendes Beobachtungsmodell und eine ausreichend leistungsfähige Theorie
verfügt, so kann man Fälle beobachten, wie etwa Markowitsch sie beobachteten
konnte, nämlich den Fall des in der Neuropathologie als N.N bekannten
Patienten. Dieser wollte kurz Brötchen holen gehen, kam aber nie zurück und fuhr
stattdessen wochenlang mit dem Fahrrad den Rhein herauf und wieder herunter.
Eine fast vollständige Amnesie hatte er entwickelt. Die Anamnese ergab, dass
N.N. eine geradezu »Freudsche Kindheit« hatte. Er musste als Junge seine Zeit
teilweise in Mädchenkleidung verbringen, wurde von seiner Mutter kalt und
abgelehnt behandelt. In der Therapie gelingen dank entsprechender Maßnahmen
Fortschritte, ein gewisses Erinnern setzt wieder ein Der Patient spricht von
sich dabei oft in der dritten Person (»...man war.... man hatte...«). Der
Kernspin zeigt dabei reglose Gehirnareale, die normalerweise bei den Themen des
Gesprächs aktiv wären. Verlor einer sein
Gedächtnis, weil er nicht mehr die Person sein wollte, die er bis dahin war?
Ich könnte noch
lange fortsetzen, diesen oder ähnliche Fälle zu schildern. Es geht dabei aber nur um eines: Spätestens in einer genaueren,
spezialisierten Beobachtung wird in derartigen Fällen plötzlich die Annahme
eines Unbewussten geradezu unumgänglich. Es entsteht kein Notfall, sondern eine
Notwendigkeit: Die Notwendigkeit, ein Unbewusstes anzunehmen. Alles geht
auf einmal auf: Das Vergessen, die Gründe des Vergessens, das langsame sich
Wiedereinstellen der Erinnerung, das Unbeteiligtbleiben gewisser Hirnregionen. Die Notwendigkeit einer Hypothese ist aber
kein Notfall. Sie ist ein Glücksfall! Der Rückschluss auf Unbewusstes ist
plausibel und steht im Einklang mit dem dabei verwendeten Beobachtungs- und
Theoriemodell. Zitat: »Beobachtung
psychischer Systeme impliziert nicht notwendig Beobachtung ihres Bewußtseins,
das muß gegen eine verbreitete, aber unüberlegte Meinung ausdrücklich betont
werden. Beobachtungen, die diesen Bezug herstellen, werden gemeinhin als
'Verstehen' bezeichnet, und ein Verstehen, das sich an der Differenz
bewußt/unbewußt orientiert, ist ein besonders seltener, besonders
anspruchsvoller, besonders auf Theorie angewiesener Fall.« Es ist vielleicht
schwer zu glauben, aber das Zitat stammt von Luhmann. Ein sicher sehr
ungewöhnliches, unerwartbares Zitat. Es will gar nicht so richtig ins Bild
passen. Aber Luhmann folgte manchmal einer spontanen Idee in eine unerwartete
Richtung, gab diese aber oftmals ebenso schnell wieder auf. Aber dennoch kann
dieses Zitat uns dabei unterstützen, einen Ausweg zu finden: Die Beobachtung des Unbewussten ist also
nicht unmöglich, sondern nur ein »besonders seltener, besonders
anspruchsvoller, besonders auf Theorie angewiesener Fall.«
Ein eher theoretisches,
jedenfalls nicht aus der Therapie stammendes Argument, das für die Annahme
unbewusster Prozesse spricht, soll nicht unerwähnt bleiben: Die Gleichsetzung
von Psyche und Bewusstsein steht nämlich in einem unhaltbaren Widerspruch zur Selbststeuerung des Bewusstseins. Denn
jedes autopoietische System muss sich a definitione selbst steuern können; es
kann nicht von außen (aus seiner Umwelt heraus) gesteuert werden. Doch das
Bewusstsein operiert so ausschnitthaft, begrenzt und vergleichsweise langsam,
dass es evidentermaßen nicht in der Lage ist, seinen nächsten Gedanken bewusst
zu »planen«. Aber mehr noch: Das Bewusstsein kann schon aus rein logischen Gründen seine
Anschlussoperationen nicht vorselegieren, denn dazu müsste es alle folgenden Gedanken erst einmal denken, um sie dann
bewusst denkend zu selegieren und sie dann erneut zu denken - so, als habe es sie (im
Selektionsschritt) noch gar gedacht. Oder sitzt von
Ihnen jetzt jemand da und denkt: »Soll ich als nächstes denken, >Ich habe
Hunger< oder soll ich denken, >Ich weiß nicht, wie der Herr Wasser auf so
was Unsinniges kommt<?«. So, als würden sie diese Gedanken denken, bevor Sie sie denken und gegeneinander
abwägen. Das würde uns zwar vor so manchem übereilten Schritt bewahren - aber leider würden wir dabei nie voran kommen, da wir über alle
möglichen Vorschläge erst einmal nachdenken müssten und zugleich über alle
möglichen Gedanken, mit deren Hilfe wir über unsere Vorschläge nachdenken
wollten und so ad infinitum.
Was wir also
brauchen, um denkend voran zu kommen, das sind: Einfälle. Wir müssen vom nächsten
Gedanken förmlich überfallen werden, um ihn verwerfen oder in unsere Rede
einbauen zu können. Da uns aber allzu selten Gedanken direkt vom lieben Gott
zugestellt werden - anders als dies beim Papst sein mag - werden unsere Gedanke wahrscheinlich nicht vom Himmel fallen, sondern
ganz prosaisch etwas mit unserem Hier-und-Jetzt, unserer Langeweile, unserer
Neugierde, unserem Hunger oder unserem ärgerliche Erlebnis von heute Vormittag
zu tun haben. Unsere Gedanken werden also nicht bewusst geplant, obwohl ein
Teil der bei der »Verfertigung von Gedanken« (wie Kleist es nannte) aktivierten
Muster durchaus bewusstseinsfähig sein können. Jeder neue Gedanke ist so
gesehen zunächst ein Einfall, dessen
Auswahl und Entstehung wir nicht bewusst mitverfolgen können. Selbst wenn
Sie denken: »Was mache ich gleich? Ah, ich glaube, ich gehe noch meinen Sohn
besuchen.« - so planen Sie zwar ihr Vorhaben bewusst – nicht aber die Idee dazu und schon gar nicht jeden einzelnen bei
ihrer Planung auftretenden Gedanken: Denken
benötigt Einfälle. Und diese werden zweifellos unbewusst vorbereitet.
Das hat nichts mit der dekonstruktivistischen
Vorstellung des (zeitlichen) »Entgleitens« zu tun. Das hat mit der Logik der Produktion
zu tun, muss also schon passiert sein, bevor etwas überhaupt »entgleiten« kann.
Luhmann hätte davon gesprochen, dass es sich hier um
eine ermöglichende Bedingung jedes »Nachtrags«, jedes »Entgleitens« handelt. Die »Mechanik des Einfalls« geht jeder
möglichen Dekonstruktion voraus.
Wäre das
Bewusstsein also tatsächlich völlig auf sich selbst angewiesen, so würde es
sich also nicht selbst steuern können, denn um sich selegierend selbst steuern
zu können, müsste das Bewusstsein müsste sozusagen seine nachfolgenden Gedanken
denken, bevor es sie denkt. Das Bewusstsein
benötigt eben darum Einfälle, und die kann es nicht aus sich selbst
hervorbringen, denn die »Bewusstseinpflicht«
des Bewusstseins würde sonst die Produktion
von Gedanken blockieren. Ergo: Das
Bewusstsein kann kein autopoietisches System sein, woraus logisch folgt,
dass das psychische System (als autopoietisches System!) nicht reduziert werden
kann auf »Bewusstsein«. Es ist angewiesen auf echte Einfälle, die »einfach so kommen«; es weiß nicht woher, und
es kann dies auch nicht wissen, und es kann dies auch nicht ernsthaft wissen
wollen, wenn es denkend oder erlebend weiterkommen will: »Bewusste Entscheidungen werden eindeutig unbewusst vorbereitet.«
(Roth) Das Postulat von der Identität
von psychischem System und Bewusstsein ist also aus rein prozesslogischen Gründen nicht zu
halten.
Das ist aber
keineswegs alles gegen Luhmann gedacht, sondern eher »mit ihm«. Auch wenn er
diese Punkte vielleicht übersehen hat: Es ist gerade seine Theorie, die eine
solche Begriffserweiterung erzwingt, denn unbewusste
Sinnhorizonte übernehmen im psychischen System die Funktion, die das
Bewusstsein für die Kommunikation übernimmt: Sie sorgen für ausreichende Intransparenz, die daraus
folgenden Freiheitsgrade und somit
für ein ordentliches Maß an Unruhe.
Sie versorgen das Bewusstsein mit Wünschen, Lust und Unlust und mit:
Einfällen.
Nebenbei wird
hier erahnbar: Freiheit ist keine
»Eigenschaft« eines Objekts. Entsprechend kann man einem Objekt auch
Freiheit nicht absprechen, wenn es die »Eigenschaft« zeigt, kausal oder
jedenfalls determiniert »zu sein«. Freiheit
ist eine Funktion (keine Eigenschaft!), die sich aus einer bestimmten
Operationsweise und ausreichender Intransparenz ergibt und auf diese Weise eine
Beobachtung auf der Basis doppelter Kontingenz ermöglicht. Freiheit ergibt sich also aus einer bestimmten Art, einen Bebachter zu
beobachten. Freiheit ist nichts, was auf Objekte zutreffen könnte, sondern
nur auf sich gegenseitig beobachtende, operierende Systeme. (Auch Hegel sah sie
- anders als Kant - entspringen aus »gegenseitiger Anerkennung« und nicht aus
Eigenschaften losgelöster Subjekte/Objekte.)
Auch von Freud wurde »das Un-Bewusste« nicht
auf »Nicht-Bewusstes« reduziert: »Das Unbewußte umfaßt einerseits Akte von
sehr verschiedener Dignität, die doch in dem Charakter, unbewußt zu sein,
übereinstimmen. Das Unbewußte umfaßt anderseits Akte, die bloß latent, zeitweilig
unbewußt sind, sich aber sonst von den bewußten in nichts unterscheiden [...].«
Freud sah sich also gezwungen, auf etwas dem »gesunden Menschenverstand« Widersprechendes,
nämlich auf die reale Gegebenheit unbewusster Vorgänge zu schließen, ohne etwas
Unbewusstes jemals in der sogenannten »unmittelbaren Erfahrung« aufweisen zu
können: »Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner Natur so unbekannt wie das
Reale der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso
unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane.«
Freud führte den Begriff des Unbewussten ein, um Erklärungslücken zu
schließen, Beobachtungen in Einklang mit der psychoanalytischen Theorie zu
bringen. Will man real Unbewusstes
nachweisen, so muss man folglich die Theorie in die Beobachtung von Latenz
zwingen. Dazu bedarf es einer darauf spezialisierten
Beobachtungstechnik, wie Freud sie verwendete. Nicht umsonst nannte Freud
den Traum die »via regia« zum Unbewussten
– und nicht möglichst logisch strukturierte Denkprozesse des
Wachbewusstseins. Zu dieser Beobachtungstechnik gehören aber auch das sogenannte
psychoanalytische Setting (»freie Assoziation« auf der einen, »schwebende
Aufmerksamkeit« auf der anderen Seite) sowie die Spezialisierung auf Auffälligkeiten
(die Fokussierung klinischer wie alltäglicher Pathologien, aber auch die
Analyse von Witzen, Märchen, Mythen etc.).
Was ergibt sich aber daraus für das
Verhältnis von psychischem System, Bewusstsein und Unbewussten - einerseits bei Freud, andererseits bei
Luhmann? Zur Beantwortung des ersten Teil dieser Frage sollten wir uns noch
einmal vor Augen führen, wie Freud sich die Systembildung beziehungsweise die
Ausdifferenzierung der Systeme vorstellte.
In seiner frühen Topik (bis ca. 1920/23) unterschied
Freud zwischen dem Bewusstsein, dem Unbewussten und dem Vorbewussten und
sprach allen dreien zu, Systeme zu
sein. Dabei erklärte er sich die Systembildung qua Operationsmodus: Ein
jedes der drei Systeme differenziert sich gegenüber den beiden anderen aus, indem
eines »bewusst«, das andere »unbewusst« und das dritte »vorbewusst« operiert.
Dieses Modell ließ jedoch nicht zu, die Psyche als ein in Teilsysteme differenziertes System zu betrachten: Können
doch Teilsysteme nur Teilsysteme eines
Gesamtsystems sein, wenn sie mit diesem Gesamtsystem den Operationsmodus
teilen. Freud stellt daher explizit fest, dass sich »die Bewusstheit [...] zur
Systemunterscheidung in keiner Weise eignet.« Darüber
hinaus aber galt es, den logischen Widerspruch aufzulösen, der darin bestand,
dass, wenn man der ersten Topologie folgt, die Abwehr (Triebzensur) – weil
vorbewusst geleistet – dem Bewusstsein zugänglich sein müsste, obwohl die
Theorie doch zugleich stets von einer streng unbewussten (latenten) Wirkungsweise
der Abwehr(mechanismen) ausgegangen war und weiterhin ausgehen musste. Denn
würde die Psyche (vor)bewusst versuchen,
etwas ins Unbewusste zu verdrängen,
so würde sie zumeist scheitern und sich zudem an ihren Verdrängungsversuch
erinnern können.
Daher vollzieht Freud 1923 eine von langer
Hand vorbereitete, radikale Wende. Seither lässt sich nur noch von der Unterscheidung
zwischen bewusst und unbewusst als Qualitäten
des Erlebens sprechen, weil beim späten Freud der Unterschied zwischen dem
Vorbewussten und dem Unbewussten »nicht
mehr auf einer intersystemischen Unterscheidung beruht [...] (Ich und
Über-Ich sind zum Teil vorbewusst und zum Teil unbewußt).« (Laplanche/Pontalis)
Ich, Es und Über-Ich teilen mit dem psychischen System den Operationsmodus:
die Teilsysteme wie das Gesamtsystem operieren, indem sie »erleben«.
»Unbewusst« impliziert in dieser zweiten
Topik Freuds also, dass zwar erlebt wird, aber eben nicht in der hochunwahrscheinlichen Qualität
»bewusst«. Entscheidend aber ist, dass Freud den Gedanken, Bewusstsein, Unbewusstes und Vorbewusstes
seien Systeme, verworfen hat. Beibehalten hat er dagegen die Vorstellung:
Strukturfunktionale Latenzen setzen in aller
Regel Doppelblindheit voraus: Wir
sehen nicht nur die verdrängte Vorstellung nicht; wir sehen auch nicht, dass und wie wir eine Vorstellung unsichtbar
machen. Auch Freud kannte freilich Unbewusstes, das auf nur »faktischer
Latenz« beruht. Dazu zählte er bspw. alle unbewussten Vorgänge
(Primärprozesse), die nicht auf Abwehrprozessen beruhen. Gerade so kam es zur Entdeckung einer ebenso überraschenden wie
faszinierenden Kombination: Die Abwehr nutzt die Operationsweise der Primärprozesse (also faktisch latente
Operationsweisen), um symbolische Bedeutungen zum Beispiel mittels
Verschiebung oder Verdichtung gleiten zu lassen und baut so strukturfunktionale Latenz auf. Man muss, um dies zu
verstehen, mit Freud allerdings die Ansicht teilen, dass die Primärprozesse
ohnehin immer mit Verdichtungen, Verschiebungen, Resymbolisierungen,
Vermischungen, Negationen und anderen Unschärfen aller Art operieren. Durch Übernahme dieser Mechanismen faktischer Latenz
sorgt das Immunsystem dafür,
dass dem Bewusstsein, bei seinem Versuch, »gefahrvolle« Bedeutungen zu fixieren, diese ständig entgleiten. Psychisch als bedrohlich
eingestufte Intentionen werden damit für das Bewusstsein schwer bis unzugänglich
gestaltet. Die Primärprozesse zeigen also eine Operationsweise, die vom
psychischen System funktionalisiert wird, um strukturfunktionale Latenz aufzubauen. Strukturfunktionale Latenz kann also auf faktischer Latenz aufsetzen. Erstere
ermöglicht dann Letztere.
Heute finden wir ganz allgemein in den
unterschiedlichsten Forschungen und Therapien diese beiden zu unterscheidenden
Arten des Unbewussten. Faktische Latenz wird dabei regelmäßig im Zusammenhang
mit Prozessen beschrieben, die entweder Bewusstsein einfach nicht benötigen
oder für die Bewusstsein schlicht zu langsam, zu schwerfällig bzw. zu behäbig
wäre, beispielsweise beim sogenannten »priming«. Umgekehrt ist klar, das
Bewusstsein nur zustande kommen kann, weil es sozusagen von vielen Vorgängen
»verschont« bleibt und vom System ausreichend Zeit (zeitliche Komplexität) zur
Verfügung gestellt bekommt. Denken wir etwa an die berühmten Libet-Experimente.
In diesem, allerdings sehr weit gefassten Sinn, erfüllt dann sogar faktische
Unbewusstheit tatsächlich zugleich eine Funktion. Aber gerade bei Libet hatte
sich gezeigt, dass das Bewusstsein zwar »rausgehalten« wird, sich aber durchaus
einschalten kann, sogar durch bewusste Entscheidung. Bewusstsein ist hier also
nicht ausgeschlossen, sondern lediglich »etwas zu Vermeidendes«. Wer beim
Kegeln versuchen würde, die Bewegungen von Händen und Beinen bewusst zu
steuern, würde allenfalls sofort hinfallen. Das Bewusstsein darf hier nicht
viel mehr tun, als zu sagen: Ich möchte jetzt nach vorne Laufen und mit der
rechten Hand die Kugel ins Ziel werfen. Wir sind keine Terminatoren. Wir sehen
keine Entfernungsangaben auf einem Display hinter den Augen, und unser
Bewusstsein berechnet keine ballistischen Kurven, geschweige die
Anspannungsstärkern unserer Muskelgruppen. Aber: Nicht trotz, sondern eben
darum verfügen manche von uns über artistisch bewundernswerte Gaben.
Aber auch umgekehrt kann man davon ausgehen,
dass manche Prozesse so triebnah bzw. affektiv sind, dass sie nicht als solche
bewusst werden können, sondern nur als Antrieb, Verlangen, also bereits mit
meist klarer Intention versehen bewusst werden. Hier laufen dann also auch
Vorgänge ab, deren Komplexitätsniveau für Bewusstsein zu gering wäre, etwa im
sogenannten »priming«. Gesichter werden in einer Geschwindigkeit nicht nur
entdeckt, sondern auch erkannt, die mit Bewusstsein nicht zu haben wäre.
Allerdings spielt in der Psychoanalyse in der
Tat eher strukturfunktionale Latenz die größere Rolle. Zwar hat Freud stets
betont, dass in der Psyche immer die faktisch unbewussten Abläufe dominieren.
Für den therapeutisch interessierten Psychologen werden dann aber sehr schnell
die strukturfunktionalen interessanter, denn sie zeigen nicht nur, wie, wann
und auf welche Weise Bewusstsein zustande kommt, sondern auch, wie stark unser
jede Handlung bestimmendes Erleben vom Selbstschutz bestimmt ist. Wenn man sich
Freud näher anschaut und zwar bis in die Traumtheorie, so sieht man ein groß
angelegtes Projekt, dass zeigen will, in welch unerhörtem Ausmaß sich die
Psyche als bedroht erfährt und wie sehr diese Bedrohung jedes Erleben reguliert
und dominiert. Und: Das offenbar der Punkt, an dem Bedrohung zentral abgewehrt
wird, der Zugang zum Bewusstsein ist. Unbewusst ist halb so schlimm, könnte man
lax formulieren. Oder: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß – aber
möglicherweise neurotisch. Als eher spätes, ebenso komfortables wie gewagtes
Evolutionsprodukt, scheint Bewusstsein ebenso anfällig wie entsprechend
schutzbedürftig.
In der Neurophysiologie geht die Tendenz
zunehmend in die Richtung einer psychologischen Immunologie (Markowitsch/Solms
& Solms…). In der Psychologie überwiegen dagegen zur Zeit vielleicht doch
eher Annahmen, die sich »nur« auf faktische Latenzen beziehen, gleichgültig ob
es um Forschung oder um Therapie geht. Die Verhaltenstherapie nimmt in aller
Regel an, dass prägende Erfahrungen (etwa Traumen, negatives feedback) ihre
verhaltenssteuernde Wirkung entfalten, weil die ihnen zugehörenden Muster nicht
bewusst werden. Angst oder Zwang werden zwar bewusst, aber nicht das
Lern-Muster, dass es neu zu konditionieren gilt. Aus eben diesem Grund versucht
man Verhalten zu ändern oder in Konfrontationsverfahren Umlernprozesse
anzutriggern. Die Modifikation dieser Muster kann also wenig bis gar nicht
bewusst stattfinden, wohl aber die sie auslösenden Erfahrungen und
Verhaltensweisen. Eine Ausnehme bilden Therapien wie die rational-emotive
Therapie (RET v. Albert Ellis). Hier schätzt man zwar die Kraft der
Vernunft/bewussten Kognition sehr viel höher und nimmt an, dass schon bloßes
anderes Denken über die gleichen Sachverhalte so einiges bewirken kann. Aber
auch hier finden wir beispielsweise die sogenannten Believes oder Dogmen, die
unbewusst die Gedanken steuern, die man aber zumindest teilweise immerhin auch
funktional deuten könnte, also als etwas, das gezielt unbewusst gehalten wird,
um das Erleben zu schützen und das Verhalten steuern zu können. Nun, das mag
wenig wundern. Ellis war schon Psychoanalytiker bevor er sein eigenes Modell
entwickelte.
Wir halten hier fest: Faktische wie
strukturfunktionale Latenz spielen beide heute zunehmend eine Rolle in den
unterschiedlichsten Forschungen und Therapien! Es gilt, für beide ein Modell zu
finden.
Wenn man Luhmanns Postulat von der Identität
von Bewusstsein und Psyche einer »Freudschen« Revision unterziehen möchte,
dann stellt sich allerdings die Frage: Wo genau soll man ansetzen? Es erscheint
nicht ratsam, mit Freuds erster Metapsychologie, wie er sie im siebten Kapitel
seiner legendären Traumdeutung (1900) dargelegt hatte, sondern erst nach der
Zäsur, die Freud in »Das Ich und das Es« (1923) vollzogen hat, anzusetzen. Die
Gründe dafür liegen in der Wahrung einer möglichst hohen Theoriekohärenz, denn,
wenn auch Freud spätestens schon seit 1900 davon ausging, dass das psychische
System in Subsysteme differenziert ist, so sah er selbst später diese frühe
Topologie als nicht ausreichend konsistent an. Daher entschied er sich 1923 zur
Veröffentlichung einer gravierenden Revision seines Ansatzes: Es kam zum
Modell von Ich, Es und Über-Ich.
Während Freuds frühe Theorie einer
Systemdifferenzierung im Kern schlicht auf der Unterscheidung bewusster von
vorbewussten bzw. unbewussten Operationsmodi beruht hatte, revidierte er diesen
Ansatz in seiner späten Topologie und schloss anstelle einer Unterscheidung
der Operationsmodi an sein Modell eine Theorie der Differenzierung über Codes
an. Obwohl Arlow und Brenner schon 1976 darauf hingewiesen hatten, dass diese
beiden Modelle bei genauer Betrachtung über weite Strecken unvereinbar sind,
bleibt dieser Sachverhalt bis heute regelmäßig unbeachtet. Für das weitere
Vorgehen ist es jedoch unerlässlich, die kohärenzsteigernden Züge der zweiten
Freudschen Topologie herauszuarbeiten und dabei einen zentralen Punkt
herauszustellen.
Bemerkenswert ist auch, dass Freud die
Hypothese eines Unbewussten erlaubte, seine Lehre als psychologische Immunologie anzulegen. Auf diese Weise gelang es
ihm, psychopathologische Symptome, aber auch „normale“ Steuerungsprozesse, auf
Immunreaktionen (Freud sprach von „Abwehrprozessen“) zurückzuführen, ohne auf physiologische Hilfsannahmen ausweichen
zu müssen. Konsequent lässt Freud pathologische Symptomatiken aus der
Abwehr, nicht aus „Verursachern“ hervorgehen, ähnlich der Medizin, wenn sie
Symptome von Infekten nicht auf eine Direktwirkung der Erreger, sondern auf
Immunreaktionen zurückführt. Das Besondere daran ist bis heute, dass Freud auf
diese Weise eine Renormalisierung psychischer
Prozesse gelang. Renormalisierung zielt
auf den Umstand, dass es Freud gelungen war, Symptome (beinahe) aller Art,
statt sie mit Defekten (also einem
Versagen) zu erklären, auf gänzlich normale, sozusagen fehlerfrei ablaufende
und zum Systemerhalt sogar notwendige Prozesse zu reduzieren. Auch Schnupfen
ist kein Defekt (so unangenehm er sein mag) - sondern Teil einer korrekt operierenden Infektionsabwehr.
Im Zentrum der Psychoanalyse steht ein
dynamisches Modell, das in eine psychologische
Immunologie mündet: Innerhalb dieser Lehre von den Abwehrprozessen der
Psyche nennt Freud z.B. die Negation, die Projektion oder die Verdrängung als
Abwehrmechanismen. Diese sollen unter anderem das (Nicht)Zustandekommen von
Bewusstsein, aber natürlich auch das Zustandekommen von
Alltagspsychopathologien (verlieren, stolpern etc.), von Träumen sowie von
Krankheitssymptomen (Neurosen, Psychosen etc.) erklären. In beinahe allen
Fällen dieser Art bilden für Freud unbewusste Vorgänge die conditio sine qua
non dieser Prozesse: Sie können nur zustande kommen, wenn und weil die sie
auslösenden Prozesse unbewusst ablaufen.
Mit Luhmann gesprochen benötigen sie „Latenzschutz“.
Der Begriff „Latenzschutz“ gibt den
entscheidenden Hinweis darauf, dass es sich im Fall der Abwehrmechanismen
nicht um faktische („unvermeidbare“) Latenz, sondern um strukturfunktionale
Latenz handelt. Im Fall von strukturfunktionaler Latenz laufen Prozesse ab,
die logisch betrachtet durchaus beobachtet werden könnten, aber nicht beobachtet werden dürfen und also aktiv blockiert werden müssen, weil sie sonst ihre
Funktion nicht erfüllen könnten: Würden wir z.B. bewusst versuchen, etwas ins Unbewusste
zu verdrängen, würden wir nicht nur scheitern, sondern uns zu allem Überfluss
an unseren Versuch erinnern. Wir können
nicht sehen, was wir nicht sehen sollen - weil sonst die Strukturen
lysiert würden, die die Voraussetzung bestimmter Funktionen bilden.
Andernfalls müsste die Psyche das Paradoxon aushalten, zu sehen, was sie nicht
sieht. Strukturfunktionale Latenz
wirkt also entparadoxierend: Logische Paradoxien können folglich nicht
nur durch Entfaltung aufgelöst,
sondern ebenso durch den Aufbau strukturfunktionaler Latenzen (also durch
Immunreaktionen) sabotiert werden.
Es geht hier in der Tat um ein logisches Problem: Logische Paradoxien können
nur dann durch Latenzen sabotiert werden, wenn diese Latenzen ihrerseits nicht logischen Notwendigkeiten
entspringen, sondern nur funktional veranlasst sind, also rein logisch gesehen
auch ausbleiben könnten. Rein logisch untersucht, wird sichtbar, dass
Verdrängungsoperationen nicht beobachtet werden können, gerade weil sie nicht
auf operativer Blindheit beruhen. Und die Begründung dafür lautet: weil ihr
eine spezifische Blockade-Funktion entgegentritt, und eben diese hat Freud passend
mit dem Term „Widerstand“ betitelt.
Strukturfunktionale Latenzen setzen in aller
Regel Doppelblindheit voraus: Wir
sehen nicht nur die verdrängte Vorstellung nicht; wir sehen auch nicht, dass und wie wir eine Vorstellung unsichtbar
machen. Freud kannte freilich auch Unbewusstes, dass auf nur „faktischer
Latenz“ beruht. Dazu zählte er alle unbewussten Vorgänge (Primärprozesse), die
nicht auf Abwehrprozessen beruhen. Die Abwehr nutzt die Operationsweise der
Primärprozesse dann, um symbolische Bedeutungen z.B. mittels Verschiebung
oder Verdichtung gleiten zu lassen und baut so strukturfunktionale Latenz auf:
Auf diese Weise sorgt das Immunsystem dafür, dass dem Bewusstsein, bei seinem
Versuch, „gefahrvolle“ Bedeutungen zu fixieren, diese ständig entgleiten. Psychisch als bedrohlich
eingestufte Intentionen werden damit für das Bewusstsein gezielt schwer oder
sogar unzugänglich gehalten.
Umgekehrt ist der psychoanalytische Begriff
des Bewusstseins außerordentlich umfassend angelegt. Freud beschränkte ihn
nicht auf Aktualbewusstsein, noch nicht einmal auf Wachbewusstsein („stream of
consciousness”, James 1890). Vielmehr betrachtete er sogar Traumereignisse
als Bewusstseinsereignisse (Traumbewusstsein). Hinzu kommt, dass Freud
stets Wert darauf legte, dasjenige, was ohne die Überwindung sogenannter „Widerstände“ - also unbehindert durch Immunreaktionen -
bewusst werden kann, als „vorbewusst“ und nicht als „unbewusst“ zu bezeichnen:
Vorbewusste Vorgänge sind als „dem Bewußtsein zugänglich definiert“. (Laplanche/Pontalis)
und können retrospektiv ohne die Überwindung von Widerständen bewusst gemacht
werden.
„Interessant ist noch, daß das Bewußtsein im
Traum so ungestört die Qualität wie im Wachen liefert.“. Vgl. auch 436-438.
Begriffe, die andernorts in Opposition zum Bewusstsein stehen - etwa Schlaf,
Bewusstlosigkeit oder Ohnmacht – werden psychoanalytisch anders und feiner
unterschieden. So wird jemand im Alltag als „bewusstlos“ bezeichnet, weil er
keinen bewussten Kontakt zur Außenwelt aufrecht zu erhalten scheint. Sein
Bewusstsein kann aber ungehindert - wie im Schlaf (Traum) - weiteroperieren.
Bewusstsein setzt psychoanalytisch wie systemtheoretisch gesehen keinen
„Realitätskontakt“ voraus, sondern wirkt umgekehrt laut Freud an der
Konstruktion von Realität mit und kann dies nur, sofern es schon operiert.
(Stichwort bei Freud: Realitätskontrolle.)
Zurück zur Frage, wie psychische Systeme sich
in Subsysteme differenzieren können. Freuds Antwort darauf fiel in seiner
zweiten Topik - systemtheoretisch formuliert – wie folgt aus: mit Hilfe von
Codes. Codes bilden - anders als Leitdifferenzen - die Einheit einer
Differenz. Sie sind nicht exkludierend, sondern inkludierend: In der Wirtschaft
geht es nicht um „Geld haben“, sondern um „Geld haben/nicht haben“ (also um
Zahlungen). Die Wissenschaft treibt ihre Autopoiesis nicht dadurch fort, dass
sie sich innerhalb der Differenz von wahr/falsch immer nur auf die Seite
„wahr“ bezieht. Zur Wissenschaft gehört auch (oder gerade der Nachweis der)
„Falschheit“. Codes bezeichnen mithin nicht eine Seite einer Unterscheidung;
sie bezeichnen die Unterscheidung selbst, setzen also die Unterscheidung als
Einheit.
Die Codes, die Freud den drei Subsystemen
zuordnete, lassen sich dann wie folgt beschreiben: Das Ich differenziert sich
über den Code „Realitätsbezug“ (realitätsgerecht/nicht realitätsgerecht),
das Über-Ich über den Code „Triebzensur“ (zulässig/nicht zulässig) und das Es
nutzt „Lust“ (lustvoll/nicht lustvoll). Das Ich wird dabei zum „Diener dreier
Herren“, denn es muss das Kabinettstück vollbringen, seinen „bodenständigen“
Realismus in Einklang zu bringen mit den hemmungslosen Begierden des Es sowie
dem „skrupulösen Defätismus“ des Über-Ich. Es muss seinen Code sensibel auf die
Vorleistungen anderer Codierungen abstimmen, d.h., es operiert supercodiert.
An dieser Stelle wird ein weiterer Grund
sichtbar, aus welchem Freud nicht länger bereit war, „das Unbewusste“ als
System aufzufassen. Hatte er doch nicht die These vertreten wollen, alles
Unbewusste sei durch eine Tendenz zur Lust gekennzeichnet. Schon die überaus
lustrejizierende „Triebzensur“ fand ja bereits in Freuds erster Topik
überwiegend unbewusst und nicht vorbewusst statt, obwohl sie zur dieser Zeit
topologisch dem Vorbewussten zugerechnet wurde.
Freud ging also stets davon aus, dass
unbewusste Prozesse real ablaufen und essentielle Funktionen erfüllen. Der
Begriff des Unbewussten beschreibt demnach keine Fiktion, keine kontrafaktische
Hilfshypothese, kein Artefakt der Beobachtung des Unbeobachtbaren. Im
Gegenteil: Freud glaubte sogar, dass die überwiegende Zahl aller psychischen
Prozesse phänomenal unbewusst ablaufen. Und diese Ansicht hat er nie
verworfen. Eben diese späte Position Freuds ist ohne weiteres kompatibel mit
systemtheoretischen Vorstellungen, sofern man den Operationsmodus des
psychischen Systems nicht als „Bewusstsein“, sondern als (bewusstes wie
unbewusstes) „Erleben“ begreift: Psychische Systeme „bewussten“ nicht - sie
„erleben“.
Der Begriff „Erleben“ hat auch den Vorteil,
dass er von allen (nicht-behavioristischen) Theorien angewandt werden kann, da
- was immer in psychischen Systemen abläuft - auf jeden Fall als Erleben bzw.
Erlebnis beschrieben werden kann. Das gilt zweifellos für Bewusstsein, denn
Bewusstsein ist ganz sicher eines: bewusstes Erleben. Theorien, die den
Begriff „Bewusstsein“ durch den des „Erlebens“ substituieren, gewinnen also
den Vorteil, sich nicht auf den einen Fall des Bewusstseins festlegen zu
müssen (und sich dennoch zugleich auf „bewusstes Erleben“ festlegen zu können).
Eine Theorie aber, die wie die Systemtheorie den Anspruch erhebt,
transdisziplinäre Supertheorie zu sein, wird sich wohl nicht weiterhin leisten
können, eine Festlegung zu treffen, die den größten Teil psychologischer und
neurologischer Forschungen blockiert, obwohl es keine theorieimmanente
Notwendigkeit für eine solche überspezifizierende Festlegung gibt.
Bergisch Gladbach-Refrath im September 2006
HW